„Unsere historische Rolle und unseren Standpunkt in der politischen Landschaft werden wir ohne Rückbesinnung zu den Wurzeln  nicht bestimmen können.“ In der Ausgabe 10 der Netzwerk-Zeitung erschien dieser mit „N.N.“ gekennzeichnete Artikel über die Alternativbewegung.

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Träumender Affe. Illustration aus dem Artikel über die Rückbesinnung zu den Wurzeln der netzwerk-Zeitung.

Träumender Affe. Illustration aus der netzwerk-Zeitung.

Unsere historische Rolle und unseren Standpunkt in der politischen Landschaft werden wir ohne Rückbesinnung zu den Wurzeln  nicht bestimmen können. In diesem Beitrag geht es um eine der Wurzeln der Alternativen Listen, die Alternativbewegung.

Die ersten Gedanken (1978 – 79)

Das Fremdwort „Alternative“ bedeutet auf deutsch „Wahlmöglichkeit“. Wir haben die Wahl: z.B. zwischen dem „harten“ und dem „sanften“ Weg der Energieversorgung. Wir müssen uns entscheiden: z.B. zwischen militärischer Vergeltung und sozialer Verteidigung. Beides gemeinsam ist unmöglich. Die Frage „so oder so“ müssen wir selber stellen, denn die Herrschenden stellen ihre Vorhaben mit größter Selbstverständlichkeit als die einzig möglichen Problemlösungen hin. Oder sie setzen uns falsche Alternativen vor, z.B. „Arbeit oder Umwelt“. Weil WIR aber die Fragen stellen, klingen sie ganz anders, in diesem Falle etwa: „arbeitsplatz- und umweltvernichtende Großbauten oder angepaßte Technik?“ Das Wort „Alternative“ bedeutet für uns also „grundsätzliche Alternative“. Wenn wir rufen: „Es geht auch anders!“ – meinen wir: ganz anders! Vor dem Entstehen der Alternativbewegung galt in weiten Kreisen sogar die Zukunft als feststehende Tatsache. Die Gesellschaft wird wie heute sein, nur mit viel mehr Technik, etwa wie in „Raumschiff Enterprise“, das ist doch ganz klar!

Deshalb war das erste Lebenszeichen der Alternativbewegung in Österreich die Ausstellung „Schluß mit der ewiggestrigen Zukunft!“ der Arbeitsgruppe Alternativen (AGA) 1978. Rund um diese Begriffe rankten sich weitere. Die Parole hie: Hier und Jetzt! Statt der sozialdemokratischen und kommunistischen Strategien zur Erringung einer gerechteren Gesellschaft besannen wir uns des ältesten, des utopischen Weges zum Sozialismus. Landkommunen und selbstverwaltete Betriebe wurden als Keimzellen einer neuen Gegenschaft gegründet, welche die alte etwa so verdrängen sollten, wie Milchsäurebakterien die Schimmelpilze in einer Joghurtkultur. „Utopien werden durch Verwirklichung konkret“ war auch das Motto des vom Forum Alternativ 1979 im Wiener Prater errichteten „Öko-Dorfes„.

Die Frage nach der Staatsgewalt und ihrer eventuell nötigen Eroberung, Zerstörung oder Neutralisierung wurde damals nicht gestellt. Heute, wo sie gestellt wird, reichen die Meinungen von „zerstören“ bis „ned amal ignorieren“. Neben der „sozialutopischen“ Alternativbewegung bildete sich, ohne daß eine scharfe Trennlinie ziehbar ist, die „spirituelle“ Alternativbewegung heraus. Sie sucht Alternativen zum oder im Christentum, geht vom grundlegenden Bedürfnis nach „Spiritualität“ aus, ohne dieses von den anderen Bedürfnissen zu trennen. Obwohl ich meine, daß auf diesem Boden auch so gefährliche Dinge wie die „neue“ Weiblichkeit und die Illusion, sich zu verändern sei schon Politik, entstanden sind, glaube ich doch, daß wir „politisch alternativ-Bewegten“ diese Bewegung nicht links liegen lassen dürfen. Als „politische Alternativbewegung“ schließlich könnten wir all jene Gruppen bezeichnen, die aus dem allgemeinen Großstadtfrust oder konkreten Bedürfnissen heraus mit Forderungen ins politische System eingreifen (z.B. die Burggartenbewegung).

Die Alternativmode (1979 – 80)

war 1979 en vogue und machte sich so schnell breit, daß noch heute viele sie mit der Alternativbewegung verwechseln. Es begann mit der Schöpfung des Eigenschaftswortes „alternativ“. „Alternativ“ war etwa, sich einzurauchen, Latzhosen und indische Kleider zu tragen und sich nicht nur gesund, sondern makrobiotisch oder „biodynamisch“ zu ernähren. Dahinter standen handfeste Interessen der Reformhäuser, der Textilimporteure und der Dealer. Auch die Personenbezeichnung „Alternativler“ wurde als Neuauflage des Hippies geprägt.

Bei diesen Wortprägungen hatten alle mitzureden, von den Jusos bis zur „Wochenpresse“, nur nicht die noch immer winzig kleine Alternativbewegung selbst. Die traf sich ab und zu bei „Gesamtösterreichischen Alternativtreffen“ (aus denen später die ALÖ entstand) und gab in Linz das „Alternativmagazin“ und in Salzburg „die Alternative“ heraus. In Wien entstand das Treibhaus, das spätere Rotstilzchen.

Der Kristallisationskern (1980)

Als die aus dem anglosächsischen Raum importierte Alternativbewegung bei uns das Licht der Welt erblickte, war bereits vieles in Bewegung geraten: Die autonome Frauenbewegung, die Basisgruppen an den Unis, Dritte-Welt-Gruppen, die Arena-Bewegung, parteilose Gewerkschafter/innen und die alles mitreißende Anti-AKW-Bewegung waren kräftig angewachsen.

Die Alternativbewegung übernahm deren Inhalte und beeinflußt diese ebenfalls. Die Kontakte zwischen diesen Bewegungen vertieften sich, wobei die Alternativbewegung ein Kristallisationskern war. Auch später entstandene Bewegungen wurden von der Alternativbewegung beeinflußt, was sich in Namensgebungen zeigt (z.B. die „Alternativgemeinschaft Körperbehinderter und Nichtbehinderter – AKN“. Parallel zur Alternativ-Mode erreichte auch die Alternativbewegung ihre größte Ausstrahlung. Wie weit diese reichte, zeit sich etwa am Komitee „Sozialisten für alternative Energiepolitik“ und am Buch „A … wie Alternativ“ eines katholischen Verlages (nicht empfehlenswert) [Herold 1981, herausgegeben von Andreas Unterberger, Anm.]. Und zu dieser Zeit ging die bisher schon kaum eingrenzbare Alternativbewegung in den anderen Bewegungen auf. So ist also heute unklar, ob dieses Mosaik von Bewegungen oder jenes Mosaiksteinchen, für das in Wien vor allem das Forum Alternativ stand, als Alternativbewegung zu bezeichnen ist.

Und die Alternativen Listen? (1981 – ?)

Tja. Eifrige gründeten schon kurz nach der Zwentendorf-Volksabstimmung (5.11.78) die Alternative Liste Baden und die Demokratische Initiative Schärding, die sich in ihre Rathäuser wählen ließen. Ein gewichtiges Wort bei einer Parteigründung hatte jedoch die angesehene Initiative Österreichischer Atomgegner IÖAG mitzureden, und die fand die Drohung mit einer Parteigründung wirkungsvoller als die Minderheitenfeststellung bei einer Wahl. Außerdem wollte sie nicht ihr mehrheitsfähiges Bündnis sprengen. So gelang ihr auch, dem Professor Tollmann 1980 seine Bundespräsidentschaftskandidatur auszureden. Als ihr Einfluß schwand und Tollmann das unausgesprochene Stillhalteabkommen brach und im Alleingang die VGÖ gründete, dachten sich viele „einfache“, aber umso aktivere Aktivist/inn/en an der Basis: „Wenn schon eine grüne Partei, dann eine seriöse, die von der Basis ausgeht!“ und gründeten Alternative Listen. Das ist aber nur ein Aspekt.

Ausgangspunkt der Alternativen Liste Wien war das Bedürfnis nach engerer Zusammenarbeit mehrerer kommunalpolitischer Gruppen nach der Flötzersteig-Volksbefragung. So entstand 1980 die „Kommunalpolitische Initiative Wien“. Nach einer Flugblattaktion kamen am 15. Juni 1981 200 Menschen ins Dramatische Zentrum in der Seidengasse und beschlossen mit wenigen Gegenstimmen, „eine Kandidatur bei den Gemeinderatswahlen 1983 anzustreben“. Die meisten Leute wurden seither nimmer gesehen, aber der Rest stritt den ganzen Sommer hindurch, ob nun ein Dachverband für Bürgerinitiativen („KI“) oder eine Wahlpartei („AL“) zu gründen sei. Gegen große Skepsis, wie sie auch seither bei jeder organisatorischen Straffung in den AL-Struk-turen zu beobachten ist, setzte sich letzteres durch und wurde vollzogen.

Der weitere Verlauf der Geschichte dürfte bekannt sein: Der erbitterte Kampf aller hinzugekommener Personengruppen um die Aufnahme „ihrer“ Inhalte im Programm, die Diskussion um das erste Statut der ALW (Frühling 82), die nach vierjähriger Diskussion auf den Gesamtösterreichischen Alternativentreffen am 5.11.82 vollzogene Gründung der ALÖ, die Konflikte um die Nationalratskandidatur etc.

So wurden mühelos die zwei Jahre bis zu den Wahlen kräfteraubend aber nützlich verbracht. Als dann die Gemeinderatswahl vorverlegt wurde, war das Kriegsbeil begraben und plötzlich funktionierte sogar das Organisatorische. Die Gründung der Bezirksgruppen bewirkte, daß der vor der Wahl explosionsartig angestiegene Aktivistenstand nachher nur langsam absank und sich durch den Zustrom neuer Leute stabilisierte.

Bilanz

In all den Phasen der AL-Entwicklung haben uns Aktivistinnen und Aktivisten verlassen. Sie gingen still oder im Streit, ins Privatleben oder in überparteiliche Basisarbeit. In Wien und in den Bundesländern. Andere haben nie aktiv mitgemacht und doch immer sympathisiert, gespendet, Informationen geliefert oder das netzwerk abonniert. Oder sie nörgeln nur, statt die AL besser zu machen.

Andere jedoch haben bei uns ein tolles Gemeinschaftsbefühl erlebt und sind angesichts der vielen Wege, welche verschiedene Menschen zur AL führten, aus dem Staunen nicht herausgekommen. Noch sind die Alternativen Listen ein Experiment, sind all die vielen Bezirks- und Arbeitsgruppen Experimente, die nach dem Versuch/Irrtum-Prinzip fleißig florieren oder eingehen. Die Alternativen Listen sind erst kürzlich zur Organisation zusammengewachsen, österreichweit. Neben den „Alternativen Listen“ gibt es auch alternative Listen in Betriebsräten, Gewerkschaft und Hochschülerschaft. Es gibt noch keine großen Erfolge und Mißerfolge, weil Alternative Listen nicht als Strohfeuer sondern als langsam schwelender Flächenbrand konzipiert sind.

Noch kann sich bei uns niemand in ein gemachtes Bett legen, sondern jede und jeder ist herzlich eingeladen, die Alternativen Listen mitzugestalten. Noch wissen wir nicht, ob wir die Bewegungen aufsaugen oder verbreitern. Unser Einfluß auf politische Entscheidungen ist nicht genau zu messen. Ob die Entstehung Alternativer Listen die Geschichte revolutionieren wird oder ein historischer Irrtum ist, bleibt bis auf weiteres offen. Ist der Weg falsch, so werden wir eben die Karten neu mischen und es anders versuchen. Noch hat die Geschichte. nicht über unsere Bemühungen gerichtet.