Ursula Baatz: Ökodorf im Prater (1979)

Ursula Baatz: Ökodorf im Prater (1979)

Ein Kontrastprogramm zur Eröffnung der UNO-City und zur internationalen Konferenz über die „Neue Weltwirtschaftsordnung“ organisierte das österreichische „Forum – Alternativ“ im Jahr 1979: Arbeitskreise zu Arbeitskollektiven, sanfter Geburt, Alternativer Energieproduktion und Naturmedizin wurden abgehalten, Straßentheater mit Dritte-Welt-Thema aufgeführt und im „Ökodorf“ im Wiener Prater alternatives Leben, Essen und Wohnen vorgeführt. „Das Forum – Alternativ versteht sich selbst als Zwischenstation auf dem Weg zum selbstverantwortlichen, selbstverwalteten, selbstbestimmenden Menschen in einer Umwelt, die den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen entspricht“, schrieb Ursula Baatz in der Zeitschrift „Frischfleisch“ 22/1979 (Wiederabdruck in „Frischfleisch & Löwenmaul“ 30/1981). Der Text wird mit freundlicher Genehmigung der Autorin (www.ursula.baatz.at) wiedergegeben.

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Was im Ausland schon seit zwei Jahren bekannt ist, pries die Kronen-Zeitung im März dieses Jahres als Veranstaltung der Superlative in Kriminalpolizei-, Hotel- und Unterhaltungsbranche an: die feierliche Eröffnung der UNO-City im August und die UNCSTD (United Nations Conference on Science and Technology for Development – Konferenz der Vereinten Nationen über Wissenschaft und Technik im Dienste der Entwicklung) berät über die von den Entwicklungsländern geforderte „Neue Weltwirtschaftsordnung„.

Die Länder der Dritten Welt wollen neben anderen Forderungen (Indexierung der Rohstoffpreise, d.h. Anpassung an die Teuerung der Industriegüter, Recht auf Nationalisierung der ausländisch beherrschten Betriebe und Rohstoffabbaustätten), um den industriellen Vorsprung der Industrienationen aufholen zu können, einen billigeren Zugang zum technischen Know-How und den Patenten. Dazu soll auf dieser Konferenz ein „Kodex für den Transfer von Technik“ ausgearbeitet werden.

Dies ist verständlich, wenn man die UNO-Statistik für die Jahre 1966 -1970 ansieht: danach investierten multinationale Konzerne in Konzernfilialen in Entwicklungsländer ohne Erdöl 4,9 Mrd. $ und entnahmen 7,6 Mrd. $ Gewinne; in 7 Ölländer wurden 1,9 Mrd. $ investiert und 16,2 Mrd. $ Gewinn entnommen. Was auf diese Weise gefördert wird, ist eine „Entwicklung der Unterentwicklung“; die den Gegensatz zwischen den industrialisierten Metropolen und der allmählich verelenden[den] Peripherie der Entwicklungsländer zunehmend verschärft. Ein solches ungleiches Verhältnis gibt es aber bereits auch zwischen den industrialisierten Entwicklungsländern (Submetropolen) und den noch ärmeren Nationen.

Ob die auf der UNCSTD beschlossenen Maßnahmen tatsächlich diese Situation positiv verändern werden, ist mehr als fraglich. Denn durch ein Abkommen über billigen Technologie-Transfer wird die krasse Einkommensdifferenz in Ländern der 3. Welt nicht berührt – in Entwicklungsländern beträgt das Einkommen der obersten 5 % der Bevölkerung 20 – 40 Mal soviel wie das Einkommen der ärmsten Bevölkerungsschichten; in Lateinamerika lebt die Hälfte der Bevölkerung von 35 % des durchschnittlichen Pro -Kopf-Einkommens – und den daraus entstehenden Machtverhältnissen. Wie das Beispiel Iran zeigt, dient die Industrialisierung primär der Oberschichte und der Finanzierung von unverhältnismäßigem Luxus und Militärbudgets. Das Geschehen in Persien läßt sich als Folge eines extrem forcierten Industrialisierungsprozesses verstehen, der die gewachsenen Strukturen aus dem Gleichgewicht brachte.

Dee sozialen Folgen des Technologie-Transfers lassen sich sehr leicht durch Zahlen deutlich machen: In Westafrika etwa verdrängten zwei Plastikpreßmaschinen, die jährlich 1,5 Millionen Paar Plastiksandalen herstellen und nur 40 Leute zu ihrer Bedienung brauchen, in wenigen Jahren 5000 Handwerker – Gerber, Zwirndreher, Schuster… und während früher die meisten Materialien aus dem Land selbst stammten, müssen heute Maschinen und Rohstoffe importiert werden. Arbeitslosigkeit durch Einführung neuer Technologien ist aber keineswegs nur ein Problem der Entwicklungsländer. Dies haben die Streiks in der Druck- und Stahlindustrie gezeigt, bei denen es ebenfalls um Erhaltung von Arbeitsplätzen ging. Die Krise in der Energieversorgung, die Frage der Kernkraftwerke, die zunehmende Zerstörung der Umwelt durch Industrieanlagen und -produkte – es ist offensichtlich, daß die Frage, wer wie welche Technologien benutzt, von globalem Interesse ist und nicht bloß eine Frage der Entwicklungspolitik.

Eine Lösung des Nord-Süd-Konflikts ist nur möglich, wenn Metropolen UND Peripherie sich verändern. Als Wegweiser in eine andere Zukunft lassen sich nennen:

  • soviele lokale Ressourcen wie nur möglich zu gebrauchen (also keine Rohstoffex- bzw. importe im großen Stil) und nur in verhältnismäßig kleineren Wirtschaftskreisläufen Handel zu treiben;
  • Umstellung auf erneuerbare Rohstoffe und Energiequellen und Produktion ohne Vergeudung, um Substanzverzehr und Umweltverschmutzung entgegenzuwirken;
  • nicht-entfremdete Arbeit und nicht-ausbeuterische Arbeitsverhältnisse; d.h. Technologien und Wirtschaftskreisläufe, die die Grenzen der Natur und die tatsache, daß der Mensch eben keine Maschine ist und also auch nicht wie eine Maschine funktionieren kann (am Fließband etwa oder als verlängerter Arm der Registrierkassa im Supermarkt) respektiert (nach J. Galtung, in: Anders leben – überleben, Frankurt 1978)

Das bedeutet unter anderem:

  • Natur wird nicht als verwertbarer Rohstoff aufgefaßt, sondern als eigenständige Produktivkraft;
  • damit verliert die auf NaturBEHERRSCHUNG ausgerichtete Wissenschaft und Technik ihre Vorrangstellung in der Gesellschaft; Entscheidungen zu treffen, ist nicht mehr Angelegenheit von Experten, sondern Sache aller Betroffener;
  • an die Stelle einer hierarchischen Organisation der Gesellschaft tritt eine Gesellschaftsform, in der es keine zentrale Machtstelle gibt;
  • Medien sind nicht Monopol einiger weniger, sondern stehen allen zur Verfügung (z.B. in jedem Stadtteil eigene Zeitungen, eigenes Fernsehen, eigene Filme) etc. etc.

Alternativen soll man aber besser nicht beschreiben, sondern vorleben. Deswegen findet als Gegensatz zur UNCSTD in Wien zwischen 15. und 31. August das Community-action Symposium und das Forum – Alternativ statt.

Vor etwa zwei Jahren hatten einige Leute in Wien versucht, ein Alternativ-Info herzustellen, wie es das auch anderswo als Community Action gibt. Das Community Action Network ist ein lose organisiertes Netz persönlicher Kontakte über Ländergrenzen hinaus, um einfacher Informationen, Erfahrungen und Taktik zwischen Graswurzel („grassroot“)-Grupppen austauschen zu können; über Anti-AKW-Kampagnen, Hausbesetzungen, Komsumentenaktionen, Ökologie, alternative Lebensformen… Im Mai 1978 fand in La Rochelle in Frankreich ein großes Community-action-Treffen statt (Teilnehmer: Flohmarkthändler, Hausbesetzer, Anti-AKW-Gruppen, freie Radiostationen usw.); und dieses Treffen war Anlaß zur Gründung des Forum – Alternativ.

Während in der UNO-City die Technologiekonferenz stattfindet, soll in den Aktivitäten des Forum – Alternativ der Standpunkt der durch Großtechnologien hier und in der Dritten Welt Betroffenen und Alternativen dazu dargestellt werden. Die Arbeiterselbsthilfe in Frankfurt, ein Wiesbadener Bäckerkollektiv haben bereits zugesagt, Kontakte zu LIP, zu autonomen Gewerkschaftsgruppen in Frankreich und Italien sind schon geknüpft. Wissenschaftler wie Peter Brückner, Freimut Duve, Robert Jungk, Wolfgang Harich, Hans-Dieter Bahr, um nur einige zu nennen, werden Vorträge halten, Filme über die Dritte Welt, eine Ausstellung über angepaßte Technologie sollen gezeigt werden. In Arbeitskreisen werden bereits praktizierte oder praktizierbar scheinende Gegenmodelle zur gegenwärtigen Lage diskutiert werden (Themen u a.: Wohnen, Arbeitskollektive, sanfte Geburt, Alternative Energieproduktion, Naturmedizin, Tvind– und Steinerschulen, Ökologie, das Verhältnis von Alternativen und traditionellen Linken, neue Beziehungs- und Ausdrucksformen…). Zwei Wiener Straßentheater werden auf Plätzen in der Stadt Stücke über die Dritte Welt-Problematik spielen und einen Popanz der falschen Welt bauen.

Zentrum aller Aktivitäten aber wird das Öko-Dorf auf der Jesuitenwiese im Prater sein (…). Aus Abbruchhäusern, aus Pappkarton, Plastikfolien etc.  werden Leute aus Christiania ein alternatives Dorf für etwa 200 Bewohner aufstellen, mit selbstgebastelten Sonnenkollektoren, Biogasanlagen, Windrädern zur Stromerzeugung – Bastelanleitungen werden erhältlich sein! -, die Bundestheater haben Kulissen zur Verfügung gestellt, die ebenfalls in die Architektur einbezogen werden. In der Mitte des Dorfes wird Platz zum Feiern und Theaterspielen und für eine Feuerstelle sein. Versorgt werden die Besucher aus ganz Europa mit biologischer und makrobiotischer Kocherei; das Gemüse wird aus biologischen Landwirtschaften in der Nähe von Wien bezogen.

Forum – Alternativ versteht sich selbst als Zwischenstation auf dem Weg zum selbstverantwortlichen, selbstverwalteten, selbstbestimmenden Menschen in einer Umwelt, die den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen entspricht. Damit will man nicht bloß den Journalisten und UNO-Honoratioren ein Exempel vorleben, sondern auch die oft eigenbrötlerischen Aktivitäten der einzelnen Alternativ-Gruppen aus ihrer Isolierung, die ja bloß wiederholt, was die Zivilisation lehrt, holen. Die Aktivitäten sollten kein einmaliger Höhepunkt anläßlich eines spektakulären Ereignisses bleiben; aber ob sie der österreichischen Alternativszene neue Impulse geben können, hängt von der Initiative eines jeden einzelnen ab.