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Weblog des Grünen Archivs zur Geschichte der Grünen und Alternativen in Österreich

Schlagwort: Forum Alternativ

340/366: Rückbesinnung zu den Wurzeln der Alternativen Listen

„Unsere historische Rolle und unseren Standpunkt in der politischen Landschaft werden wir ohne Rückbesinnung zu den Wurzeln  nicht bestimmen können.“ In der Ausgabe 10 der Netzwerk-Zeitung erschien dieser mit „N.N.“ gekennzeichnete Artikel über die Alternativbewegung.

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Träumender Affe. Illustration aus dem Artikel über die Rückbesinnung zu den Wurzeln der netzwerk-Zeitung.

Träumender Affe. Illustration aus der netzwerk-Zeitung.

Unsere historische Rolle und unseren Standpunkt in der politischen Landschaft werden wir ohne Rückbesinnung zu den Wurzeln  nicht bestimmen können. In diesem Beitrag geht es um eine der Wurzeln der Alternativen Listen, die Alternativbewegung.

Die ersten Gedanken (1978 – 79)

Das Fremdwort „Alternative“ bedeutet auf deutsch „Wahlmöglichkeit“. Wir haben die Wahl: z.B. zwischen dem „harten“ und dem „sanften“ Weg der Energieversorgung. Wir müssen uns entscheiden: z.B. zwischen militärischer Vergeltung und sozialer Verteidigung. Beides gemeinsam ist unmöglich. Die Frage „so oder so“ müssen wir selber stellen, denn die Herrschenden stellen ihre Vorhaben mit größter Selbstverständlichkeit als die einzig möglichen Problemlösungen hin. Oder sie setzen uns falsche Alternativen vor, z.B. „Arbeit oder Umwelt“. Weil WIR aber die Fragen stellen, klingen sie ganz anders, in diesem Falle etwa: „arbeitsplatz- und umweltvernichtende Großbauten oder angepaßte Technik?“ Das Wort „Alternative“ bedeutet für uns also „grundsätzliche Alternative“. Wenn wir rufen: „Es geht auch anders!“ – meinen wir: ganz anders! Vor dem Entstehen der Alternativbewegung galt in weiten Kreisen sogar die Zukunft als feststehende Tatsache. Die Gesellschaft wird wie heute sein, nur mit viel mehr Technik, etwa wie in „Raumschiff Enterprise“, das ist doch ganz klar!

Deshalb war das erste Lebenszeichen der Alternativbewegung in Österreich die Ausstellung „Schluß mit der ewiggestrigen Zukunft!“ der Arbeitsgruppe Alternativen (AGA) 1978. Rund um diese Begriffe rankten sich weitere. Die Parole hie: Hier und Jetzt! Statt der sozialdemokratischen und kommunistischen Strategien zur Erringung einer gerechteren Gesellschaft besannen wir uns des ältesten, des utopischen Weges zum Sozialismus. Landkommunen und selbstverwaltete Betriebe wurden als Keimzellen einer neuen Gegenschaft gegründet, welche die alte etwa so verdrängen sollten, wie Milchsäurebakterien die Schimmelpilze in einer Joghurtkultur. „Utopien werden durch Verwirklichung konkret“ war auch das Motto des vom Forum Alternativ 1979 im Wiener Prater errichteten „Öko-Dorfes„.

Die Frage nach der Staatsgewalt und ihrer eventuell nötigen Eroberung, Zerstörung oder Neutralisierung wurde damals nicht gestellt. Heute, wo sie gestellt wird, reichen die Meinungen von „zerstören“ bis „ned amal ignorieren“. Neben der „sozialutopischen“ Alternativbewegung bildete sich, ohne daß eine scharfe Trennlinie ziehbar ist, die „spirituelle“ Alternativbewegung heraus. Sie sucht Alternativen zum oder im Christentum, geht vom grundlegenden Bedürfnis nach „Spiritualität“ aus, ohne dieses von den anderen Bedürfnissen zu trennen. Obwohl ich meine, daß auf diesem Boden auch so gefährliche Dinge wie die „neue“ Weiblichkeit und die Illusion, sich zu verändern sei schon Politik, entstanden sind, glaube ich doch, daß wir „politisch alternativ-Bewegten“ diese Bewegung nicht links liegen lassen dürfen. Als „politische Alternativbewegung“ schließlich könnten wir all jene Gruppen bezeichnen, die aus dem allgemeinen Großstadtfrust oder konkreten Bedürfnissen heraus mit Forderungen ins politische System eingreifen (z.B. die Burggartenbewegung).

Die Alternativmode (1979 – 80)

war 1979 en vogue und machte sich so schnell breit, daß noch heute viele sie mit der Alternativbewegung verwechseln. Es begann mit der Schöpfung des Eigenschaftswortes „alternativ“. „Alternativ“ war etwa, sich einzurauchen, Latzhosen und indische Kleider zu tragen und sich nicht nur gesund, sondern makrobiotisch oder „biodynamisch“ zu ernähren. Dahinter standen handfeste Interessen der Reformhäuser, der Textilimporteure und der Dealer. Auch die Personenbezeichnung „Alternativler“ wurde als Neuauflage des Hippies geprägt. Lesen Sie weiter

227/366: UNO-City versus Ökodorf

Ursula Baatz: Ökodorf im Prater (1979)

Ursula Baatz: Ökodorf im Prater (1979)

Ein Kontrastprogramm zur Eröffnung der UNO-City und zur internationalen Konferenz über die „Neue Weltwirtschaftsordnung“ organisierte das österreichische „Forum – Alternativ“ im Jahr 1979: Arbeitskreise zu Arbeitskollektiven, sanfter Geburt, Alternativer Energieproduktion und Naturmedizin wurden abgehalten, Straßentheater mit Dritte-Welt-Thema aufgeführt und im „Ökodorf“ im Wiener Prater alternatives Leben, Essen und Wohnen vorgeführt. „Das Forum – Alternativ versteht sich selbst als Zwischenstation auf dem Weg zum selbstverantwortlichen, selbstverwalteten, selbstbestimmenden Menschen in einer Umwelt, die den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen entspricht“, schrieb Ursula Baatz in der Zeitschrift „Frischfleisch“ 22/1979 (Wiederabdruck in „Frischfleisch & Löwenmaul“ 30/1981). Der Text wird mit freundlicher Genehmigung der Autorin (www.ursula.baatz.at) wiedergegeben.

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Was im Ausland schon seit zwei Jahren bekannt ist, pries die Kronen-Zeitung im März dieses Jahres als Veranstaltung der Superlative in Kriminalpolizei-, Hotel- und Unterhaltungsbranche an: die feierliche Eröffnung der UNO-City im August und die UNCSTD (United Nations Conference on Science and Technology for Development – Konferenz der Vereinten Nationen über Wissenschaft und Technik im Dienste der Entwicklung) berät über die von den Entwicklungsländern geforderte „Neue Weltwirtschaftsordnung„.

Die Länder der Dritten Welt wollen neben anderen Forderungen (Indexierung der Rohstoffpreise, d.h. Anpassung an die Teuerung der Industriegüter, Recht auf Nationalisierung der ausländisch beherrschten Betriebe und Rohstoffabbaustätten), um den industriellen Vorsprung der Industrienationen aufholen zu können, einen billigeren Zugang zum technischen Know-How und den Patenten. Dazu soll auf dieser Konferenz ein „Kodex für den Transfer von Technik“ ausgearbeitet werden.

Dies ist verständlich, wenn man die UNO-Statistik für die Jahre 1966 -1970 ansieht: danach investierten multinationale Konzerne in Konzernfilialen in Entwicklungsländer ohne Erdöl 4,9 Mrd. $ und entnahmen 7,6 Mrd. $ Gewinne; in 7 Ölländer wurden 1,9 Mrd. $ investiert und 16,2 Mrd. $ Gewinn entnommen. Was auf diese Weise gefördert wird, ist eine „Entwicklung der Unterentwicklung“; die den Gegensatz zwischen den industrialisierten Metropolen und der allmählich verelenden[den] Peripherie der Entwicklungsländer zunehmend verschärft. Ein solches ungleiches Verhältnis gibt es aber bereits auch zwischen den industrialisierten Entwicklungsländern (Submetropolen) und den noch ärmeren Nationen.

Ob die auf der UNCSTD beschlossenen Maßnahmen tatsächlich diese Situation positiv verändern werden, ist mehr als fraglich. Denn durch ein Abkommen über billigen Technologie-Transfer wird die krasse Einkommensdifferenz in Ländern der 3. Welt nicht berührt – in Entwicklungsländern beträgt das Einkommen der obersten 5 % der Bevölkerung 20 – 40 Mal soviel wie das Einkommen der ärmsten Bevölkerungsschichten; in Lateinamerika lebt die Hälfte der Bevölkerung von 35 % des durchschnittlichen Pro -Kopf-Einkommens – und den daraus entstehenden Machtverhältnissen. Wie das Beispiel Iran zeigt, dient die Industrialisierung primär der Oberschichte und der Finanzierung von unverhältnismäßigem Luxus und Militärbudgets. Das Geschehen in Persien läßt sich als Folge eines extrem forcierten Industrialisierungsprozesses verstehen, der die gewachsenen Strukturen aus dem Gleichgewicht brachte.

Dee sozialen Folgen des Technologie-Transfers lassen sich sehr leicht durch Zahlen deutlich machen: In Westafrika etwa verdrängten zwei Plastikpreßmaschinen, die jährlich 1,5 Millionen Paar Plastiksandalen herstellen und nur 40 Leute zu ihrer Bedienung brauchen, in wenigen Jahren 5000 Handwerker – Gerber, Zwirndreher, Schuster… und während früher die meisten Materialien aus dem Land selbst stammten, müssen heute Maschinen und Rohstoffe importiert werden. Arbeitslosigkeit durch Einführung neuer Technologien ist aber keineswegs nur ein Problem der Entwicklungsländer. Dies haben die Streiks in der Druck- und Stahlindustrie gezeigt, bei denen es ebenfalls um Erhaltung von Arbeitsplätzen ging. Die Krise in der Energieversorgung, die Frage der Kernkraftwerke, die zunehmende Zerstörung der Umwelt durch Industrieanlagen und -produkte – es ist offensichtlich, daß die Frage, wer wie welche Technologien benutzt, von globalem Interesse ist und nicht bloß eine Frage der Entwicklungspolitik. Lesen Sie weiter

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