Ostermarsch. Erste Internationale Veranstaltung zum Thema Frieden und Umwelt. Foto: Gerhard Jordan

Erste Internationale Veranstaltung zum Thema Frieden und Umwelt. Foto: Gerhard Jordan

Heute vor 28 Jahren, am 2. April 1988, fand in Bregenz der „Erste Internationale Bodensee-Ostermarsch für Frieden und Umwelt“ statt: Rund dreitausend Menschen aus Österreich, aus der Schweiz und der BRD, aus Italien und aus Liechtenstein nahmen daran teil. Gerhard Jordan berichtete in der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Ventyl“ über diesen Ostermarsch und illustriert auch die 30jährige Tradition dieser Kundgebungen.


//zitat// Samstag, 2. April 1988, 14.00 Uhr, Bregenz: glitzernd, einem Meer gleich, breitet sich der Bodensee bis zum Horizont aus, schon den ganzen Tag über herrscht strahlendes Frühlingswetter. Mehr und mehr bunt gekleidete Menschen versammeln sich nahe der Mole am Ufer: sie kommen zu Fuß, mit der Bahn, mit dem Schiff und mit dem Fahrrad. Ihr Ziel ist der „1. Internationale Bodensee-Ostermarsch für Frieden und Umwelt“, den die „Unabhängige Friedensinitiative (UH) Vorarlberg“ organisiert hat.

Logo des Bodensee-Ostermarsches.

Logo des Bodensee-Ostermarsches.

Der Brauch, alljährlich zu den Osterfeiertagen Friedensmärsche zu organisieren, ist in Europa bereits 30 Jahre alt – er begann 1958 mit der Gründung der britischen „Campaign for Nuclear Disarmament“ (Kampagne für nukleare Abrüstung). Vor genau einem Vierteljahrhundert, am 2. April 1963, fand der erste Ostermarsch in Österreich statt, unterstützt von auch heute noch aktiven Friedenskämpfern wie Robert Jungk und Günther Anders. Der Marsch richtete sich gegen die damals noch überirdisch durchgeführten Atomtests und führte von Mödling über Perchtoldsdorf nach Wien. Im „Jahr der Studentenrevolte“ – am 27. und 28. April 1968 – fand der bislang letzte österreichische Ostermarsch statt, bestehend aus einer Demonstration vom Westbahnhof über die Mariahilferstraße (unter lautstarker Beteiligung der „Neuen Linken“) mit anschließender Kundgebung in den Sophiensälen und einem Autokonvoy (Grüne gab’s damals noch nicht) von Wien über Wiener Neustadt, Mürzzuschlag und Kapfenberg nach Graz am darauffolgenden Tag. Die Beendigung des Vietnamkriegs, ein Rüstungsstopp und eine aktive Friedenspolitik Osterreichs waren die Ziele, für die damals marschiert wurde. Nach der Zerschlagung des „Prager Frühlings“ im August 1968 und der darauffolgenden Säuberung der KPÖ von kritischen Mitgliedern zerfiel die Ostermarschbewegung bald, und es sollte 20 Jahre dauern, bis diese Tradition in Österreich wieder aufgegriffen wurde.

Warum gerade Bodensee?

Die „Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Friedensinitiativen Österreichs„, zu der die UFI Vorarlberg gehört, hat seit ihrer Gründung im April 1982 schon mehrere grenzüberschreitende Aktivitäten organisiert: so z.B. ein Friedensfest auf der Europabrücke mit italienischer und deutscher Beteiligung am 23. April 1984, „Alpe-Adria-Friedenscamps“ 1984 in Slowenien und 1985 in Kärnten, oder eine Radtour von Budapest donauaufwärts über Wien bis nach Bayern gemeinsam mit ungarischen Friedensaktivistinnen und -aktivisten im Sommer 1986. Für die Vorarlberger war der Kontakt zu Friedensgruppen in der Schweiz und der Bundesrepublik (beides Länder, in denen seit Beginn der 80er-Jahre Ostermärsche stattfinden) naheliegend, gibt es doch im Bodenseeraum ein gemeinsames Problem, das die UFI in einer Broschüre folgendermaßen beschreibt: „35 km von Bregenz entfernt in der Nähe von Ravensburg sind Stellungen der Pershing 1A-Raketen. Die Ladung einer einzigen Pershing 1A-Rakete beträgt 430 Kilotonnen Sprengwirkung und entspricht der 35-fachen Ladung der Hiroshimabombe. 60 km von Bregenz liegt Memmingen. Der Flugplatz Memmingen beherbergt Nuklearbomber. Diese Flugzeuge haben Nuklearauftrag, nach deutschem Sprachgebrauch Sondermunition. In Pfullendorf, ein Stück nördlich vom Bodensee, liegen Atomminen. In Bodelsberg, in der, Nähe von Kempten, sind ebenfalls Pershing-Raketen stationiert. Sollte es zu einer nuklearen Auseinandersetzung in Europa kommen, sind diese Orte in den ersten Minuten Ziele anfliegender feindlicher Raketen mit Nuklearsprengsätzen. Daß die radioaktiven Fall-Out-Wolken vor unserer Neutralität nicht halt machen, dürfte klar sein. Wir haben in Vorarlberg meistens Nordwestwetterlage, sodaß man davon ausgehen kann, daß immerhalb von Stunden der gesamte radioaktive Fall-Out uns erreicht und zu einem Massensterben führen wird“. Die Ostermarschierer fordern den Abbau dieser Atomwaffen als ersten Schritt zu gutnachbarlichen, von Bedrohung freien, Beziehungen.

Cover der ersten Ausgabe von "Ventyl" (Grünes Archiv)

Cover der ersten Ausgabe von „Ventyl“ (Grünes Archiv)

Problem Wackersdorf

Die geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf (Bayern) stellt eine weitere Gefahr für die Bodenseeregion und darüber hinaus dar. Doch gerade Vorarlberg hat eine traditionell starke Anti-AKW-Bewegung, so mußte die Schweiz beispielsweise in den 70er-Jahren auf den Bau des Atomkraftwerks Rüthi nahe der österreichischen Grenze verzichten, nachdem zehntausende Vorarlbergerinnen und Vorarlberger dagegen demonstriert hatten. Und bei der Volksabstimmung über Zwentendorf am 5. November 1978 war das „Ländle“ mit 84% Nein-Stimmen absoluter Spitzenreiter und somit ausschlaggebend für den damals sehr knappen Sieg der Vernunft. Kein Wunder also, daß sich beim Bodensee-Ostermarsch die Menschen rund um den Infostand, der Einwendungen gegen die atomrechtliche Genehmigung für die WAA Wackersdorf sammelt, drängen [Bis 22. April 1988 sind beim Bayerischen Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen in München rund 800.000 Einwendungen gegen die WAA Wackersdorf eingegangen. davon allein etwa 330.000 (!) aus Österreich]. Hans Schuierer, Landrat in Schwandorf (dem Gebiet, in dem Wackersdorf liegt) und Symbolfigur des Widerstands der lokalen Bevölkerung, wurde nicht umsonst von den Organisatoren nach Bregenz eingeladen.

Parkplätze statt Frieden

Nach und nach trudeln aus allen Himmelsrichtungen rund 3.000 Friedensbewegte ein: aus der Schweiz, aus der BRD, aus Italien und natürlich aus Österreich. Selbst aus dem kleinen Fürstentum Liechtenstein ist eine 50-köpfige Delegation angereist. Der Bregenzer Bürgermeister Dipl.-Ing. Fritz Mayer, der den Ehrenschutz über die Kundgebung übernommen hatte, hatte den Veranstaltern ursprünglich zugesagt, den Kornmarktplatz für die Auftaktkundgebung zur Verfügung zu stellen. Dieses Vorhaben wurde jedoch von der Verwaltungsbürokratie zu Fall gebracht: ein Beamter der mittleren Ebene war offensichtlich der Meinung, daß auf die Parkplätze am Kornmarktplatz nicht verachtet werden könne. Also sammelt sich die bunte Schar der Friedensmarschiererinnen und -marschierer beim Fahnenrondell nahe der Mole am Bodenseeufer, wo sie von Ekkehard Muther (UFI Vorarlberg), Kathrin Huber (Schweizerischer Friedensrat) und einem Sprecher der Lindauer Friedensinitiative begrüßt wird. Der Vorsitzende den Sozialistischen Gewerkschafter Vorarlbergs, Willi Pröckl, verurteilt in einer Rede scharf die österreichischen Waffenexporte und wünscht sich eine Umwandlung der Rüstungsproduktion auf zivile Produktion. Anschließend bewegt sich der Zug durch die Bregenzer Innenstadt und zurück zu den Seeanlagen, angeführt von einer Sambagruppe, die so effektiv für Stimmung sorgt, daß am Rande des Zuges sogar ein tanzender Polizist (!) gesichtet wird.

Ein Baum der Völkerverständigung

Eine Wiese zwischen Festspielhaus und Bregenzer Casino bildet den Rahmen der Abschlußkundgebung, bei der Monika Stocker-Meier, seit einem halben Jahr Nationalratsabgeordnete der Schweizer Grünen [Die Schweiz war das erste Land der Welt, in dem – 1979 mit Daniel Brélaz aus Lausanne – ein grüner Abgeordneter in ein nationales Parlament einzog. Bei der Nationalratswahl im Herbst 1987 steigerte sich die „Föderation der Grünen Parteien der Schweiz“ (GPS) von 4 Mandaten (1983) auf 9, Monika Stocker-Meier wurde in Zürich gewählt], dazu aufruft, sich „von den sogenamten Realisten zu emanzipieren“. In der Schweiz ist der Mythos der bewaffneten Verteidigung stärker als in jedem anderen europäischen Land, die Armee gilt als „heilige Kuh“. „In letzter Zeit ist aber ein Umdenken bemerkbar“, berichtet die eidgenössische Grün-Abgeordnete, „Die Volksinitiative für eine Schweiz ohne Armee und für eine andauende Friedenspolitik hat fast 120.000 Unterschriften bekommen und wird im nächsten Jahr einem Referendum unterzogen werden, und beim Kampf für die Erhaltung des Hochmoors von Rothenturm hat die Armee, die dort einen Schießplatz errichten wollte, bei einer kürzlich abgehaltenen Volksabstimmung erstmals ihren Willen nicht durchsetzen können“.

Höhepunkt der Veranstaltung am Bodensee: die Völkerverständigungslinde wird gepflanzt. Foto: Gerhard Jordan

Höhepunkt der Veranstaltung am Bodensee: die Völkerverständigungslinde wird gepflanzt. Foto: Gerhard Jordan

Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Dieter Lattmann aus München wendet sich gegen primitives Feindbilddenken und wagt die Behauptung, daß es in Westeuropa kaum regierende Politiker gäbe, die ähnlich initiativ seien wie Gorbatschow in der Sowjetunion. Nach einer Gedenkminute für den gewaltfreien schwarzen Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King, der vor 20 Jahren – am 4. April 1968 – ermordet worden war, kommt es zum Höhepunkt der Kundgebung – eine „Völkerverständigungs-Linde“ wird gepflanzt, und zwar in Erde, die zusammen mit Grußbotschaften aus mehreren symbolischen Orten gebracht wird, aus dem deutschen Pershing-Il-Raketenstandort Mutlangen, wo in einem Friedenscamp jahrelang Widerstand geleistet wurde; aus Kaiseraugst in der Schweiz, wo der Bau eines Atomkraftwerks verhindert wurde; aus Dachau und Mauthausen, wo sich KZ-Gedenkstätten befinden, aus Como (Norditalien), der Stadt des europäischen antifaschistischen Widerstands; aus der Hainburger Au und anderen Plänen.

Der junge Baum soll ein Symbol sein für die Solidarität all jener, die dies- und jenseits der Grenzen für Abrüstung, Umweltschutz und Menschenrechte eintreten – hoffentlich übersteht er den „sauren Regen“.

Nächstes Jahr wieder?

In einer ehemaligen Lokomotivremise finden sich am Abend noch mehrere Hundert Friedensaktivistinnen und -aktivisten zu einem Fest mit Musik und Politkabarett ein, eine türkische Gastarbeiterinitiative (Vorarlberg ist das Bundesland mit dem höchsten Ausländeranteil Österreichs!) verkauft „Döner Kebab“. Kurt Sageder, einer der Mitorganisatoren, ist mit dem Ablauf des Ostermarsches zufrieden: „Wie haben ursprünglich nur mit 1.000 Teilnehmern gerechnet, unsere Erwartungen sind übertroffen worden“. Angesichts des Erfolges werden möglicherweise auch in den nächsten Jahren Bodensee-Ostermärsche stattfinden. Anlässe darin gibt es genug; in der BRD steht die Modernisierung der Atomraketen mit bis zu 500 km Reichweite bevor, die Schweiz will in Zukunft noch stärker rüsten (weil nach dem Reagan-Gorbatschow-Abkommen über den Abbau der europäischen Mittelstreckenraketen die „konventionellen“ Waffen wieder in den Vordergrund rücken und die Schweiz auf dieser Ebene eine „Chance“ zu haben glaubt), und in Österreich sind Abfangjäger und Raketen sicher nicht die letzten Forderungen von Verteidigungsminister Lichal. Und daß Radioaktivität keine Grenzen kennt, ist uns spätestens nach dem Tschernobyl-Unfall vor zwei Jahren schmerzlich bewußt geworden… //zitatende//