Alain Lipietz prägte einen Ökologiebegriff mit, der über Naturschutz weit hinausgeht und danach fragt, wie Umwelt, Mensch und Gesellschaft zusammenhängen, berichtet unser Gastautor Stefan Wolfinger.


Alain Lipietz und Alexander Van der Bellen. Fotograf_in: nicht angegeben

Alain Lipietz und Alexander Van der Bellen. Fotograf_in: nicht angegeben

Ökologie mit Umweltschutz gleichsetzen? Für Alain Lipietz wäre das viel zu kurz gegriffen. Der französische Ökonom und ehemalige Sprecher der französischen Grünen befasste sich intensiv mit der Rolle der politischen Ökologie – einer Disziplin der Sozialwissenschaften, die sich mit den sozialen Ursachen von Umweltproblemen auseinandersetzt. Die Leitfrage dabei: Wie beeinflussen einander Umwelt, Menschen und Gesellschaft? 1998 gab die Grüne Bildungswerkstatt Lipietz‘ Werk „Grün. Die Zukunft der politischen Ökologie“ in deutscher Sprache heraus – ein engagiertes Manifest für eine „grüne Alternative“ und für einen politischen Weg, mit dem sich Grünen von anderen Parteien unterscheiden sollten.

Wie Lipietz „politische Ökologie“ definierte

Alain Lipietz sah den Ursprung der politischen Ökologie in der wissenschaftlichen Ökologie, den kritischen Sozialwissenschaften sowie den politischen Erfahrungen, die gesellschaftspolitisch „alternative“ Bewegungen seit den 1970er Jahren gesammelt hatten. Ökologie ist somit nicht ausschließlich Umwelt- und Naturschutz, sondern umfasst auch soziale, historische, kulturelle und ökonomische Aspekte. Die politische Ökologie beurteilt die Beziehung zwischen Mensch und Natur nicht danach, „in welchem Maß es dem Menschen gelingt, die Natur zu beherrschen, sondern nach dem Respekt, den er sowohl anderen Menschen, den nachfolgenden Generationen wie auch den anderen Arten entgegenbringt“.

Respekt vor alternativen Handlungsmustern

Um die politische Ökologie näher definieren zu können, versucht Lipietz zunächst festzustellen, was heute im politischen Handeln „normal“ und was „abweichend“ ist. Das scheinbar Normale sei die Orientierung des politischen Handelns am Primat der Ökonomie, wenn nicht sogar die völlige Unterwerfung der Politik unter das wirtschaftlich Verwertbaren. Lipietz forderte Respekt gegenüber den von dieser „Normalität“ abweichenden Handlungsmustern. Das sollte dazu führen, dass die Politik die Wirtschaft bestimmt und nicht umgekehrt. Der Autor war sich jedoch auch der Gefahr bewusst, dass dies – wie in den Staaten des ehemaligen Ostblocks – zu einem alles bestimmenden und unterdrückenden Staatsapparat führen kann. Damit das nicht geschieht, müssten entsprechende demokratische Maßnahmen gesetzt werden.

Ende des „Produktivismus“ in einer „Nach-Wachstums-Gesellschaft“

Die „politische Ökologie“ sollte dazu führen, neue Regeln in einer „Nach-Wachstums-Gesellschaft“ zu etablieren, indem der sogenannte „Produktivismus“ überwunden wird. Produktivismus bezeichnet ein Organisationssystem des wirtschaftlichen Lebens, bei dem die Produktion und die Produktivität die wesentlichen Ziele sind. Mit diesem Begriff war es möglich, sowohl den Kapitalismus westlicher Prägung als auch den vor 1989 noch „real existierenden Sozialismus“ des Ostblockes zu kritisieren. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme tendieren laut Lipietz die meisten grünen PolitikerInnen zur Ansicht, dass Produktivismus und Kapitalismus dasselbe sind.

In der „Nach-Wachstums-Gesellschaft“ wäre der Teufelskreis des Kapitalismus durchbrochen: Die fortschreitende ökonomische Expansion mit immer größer werdender Produktion und beständig gesteigertem Konsum wäre gestoppt und somit auch die Schädigung von Natur und Umwelt und die weltweite soziale Ungleichheit beendet. Dieser Zustand könne erreicht werden, wenn sich die Menschen nicht mehr am Konsum, sondern an ihren Grundbedürfnissen orientieren: dem Erhalt einer intakten Umwelt, Gesundheit und Wohlbefinden, sozialer Gerechtigkeit sowie Selbstbestimmung über die eigene Arbeits- und Freizeit.

Beschäftigung mit Ökologie: nicht Luxus, sondern notwendig

Die politische Ökologie versucht nicht nur die Ursachen und Folgen von Umweltveränderungen als Resultate des herrschenden politischen Systems darzustellen, sondern auch Alternativen aufzuzeigen. Alain Lipietz legte dar, dass vor allem die grünen Parteien an Theorie und Praxis dieser Alternativen arbeiten.

Auf den häufig gegenüber Grünen geäußerten Vorwurf, dass die Beschäftigung mit Ökologie ein Luxus der Reichen wäre, antwortete Lipietz: „Hatte man vergessen, dass die ersten organisierten Arbeiterkämpfe, zu denen es im 19. Jahrhundert in den Ländern der industriellen Revolution kam, zuallererst Kämpfe für die Ökologie der Arbeit waren, für die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit (…) für ein Verbot der Kinderarbeit, für eine Regelung gefährlicher und gesundheitsschädlicher Tätigkeiten? (…) ein Kampf gegen die Elendsbehausungen und die Tuberkulose war? Erst seit einem halben Jahrhundert, seit den sozialen Errungenschaften der Sauberkeit des Arbeitsplatzes und dem Recht auf eine anständige Wohnung wurden die Lohnempfänger der Länder des Nordens mit dem Wahn des Massenkonsums infiziert. Der gesunde Menschenverstand des Volkes hat indessen immer die Gesundheit über den materiellen Reichtum gestellt.“

Weiterentwicklung sozialistischer Ideen

Nach Lipietz entstanden grüne Bewegungen aus einer Weiterentwicklung und Ergänzung sozialistischer Ideen. Neue Wege würden sie vor allem deshalb beschreiten, weil sie sich mit den beiden Schwachpunkten sozialistischer Parteien beschäftigen. Zwar habe bereits Karl Marx darauf hingewiesen, dass die „Umwelt“ ein Terrain sei, das für die kapitalistische Akkumulation notwendig ist, aber auch, dass es durch Arbeit nicht wiederhergestellt werden könne. Der Sozialismus habe diesen Sachverhalt ignoriert. Als zweiten fundamentalen Schwachpunkt des Sozialismus nannte Lipietz, dass er vor der Unterdrückung der Frauen die Augen verschloss und somit keine umfassende Solidarität erreichen konnte.

Alain Lipietz: Grün. Wien: Promedia 1998

Alain Lipietz: Grün. Wien: Promedia 1998

Lipietz sah für die jungen, aus grünen Bewegungen entstandenen Parteien gute Chancen, organisatorisch aus den Fehlern älterer Parteien zu lernen, vor allem von den Sozialdemokraten. Sie hätten noch die Möglichkeit zu hinterfragen, wie eine Partei geführt werden und welche Rolle der Staat spielen soll. Persönliche Gespräche, Mitbestimmung, Konsenssuche sowie das Recht auf eine abweichende Meinung sollten nicht nur innerhalb einer grünen Partei bestimmend sein, sondern in der Folge auch als Paradigma auf den gesamten politischen Bereich umgelegt werden.

Grüne wollten zwar viele Dinge verändern, ihr Ziel sei jedoch nicht, wie bei „klassischen“ Parteien, Staatsmacht zu werden. Eine solche Machtübernahme sei kein geeignetes Mittel, um zum Beispiel Arbeitsbedingungen, Konsummentalität oder die Geschlechterbeziehungen nachhaltig zu verändern. Die Grünen „wissen, dass die Macht die Voraussetzungen bieten kann, Dinge in Angriff zu nehmen, Kämpfe zu unterstützen und Beziehungen aus der Position einer relativen Stärke zu beeinflussen, doch sie wissen auch, dass die wichtigen Ereignisse anderswo passieren – in den Veränderungen von Myriaden von Verhaltensmustern.“

Beharrliche Kritik statt festgeschriebener Ideologie

Die argumentative Grundlage der Grünen bestehe demnach auch nicht aus einer festgeschriebenen Ideologie, die man folgen müsse, um zu einer neuen besseren Gesellschaftsordnung zu gelangen, sondern in der beharrlichen Kritik bestehenden Übels. Die ökologische Bewegung brandmarken „die real existierende Ökologie (die gegenwärtige Beziehung der Menschheit zu ihrer Umwelt) und unterstreicht deren Unverträglichkeit und Mangel an Nachhaltigkeit“. Lipietz wollte die Aktivität der Grünen nach drei grundsätzlichen Werten ausgerichtet sehen:

  • Verantwortlichkeit gegenüber der Natur;
  • Autonomie, also die eigenen Aktivitäten kontrollieren und die Konsequenzen der eigenen Handlungen verfolgen können – und
  • Solidarität, denn: „Wäre es denn möglich, sich Sorge um künftige Generationen zu machen und gleichzeitig nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass heute Menschen ausgeschlossen und marginalisiert werden?“

Der Anspruch Stachel im Fleisch der bestehenden Verhältnisse zu sein, mache die Grünen jedoch auch anfällig für Fehler. Lipietz führte an, dass sie dazu neigen würden, Menschen in „Gute und Böse“ einzuteilen, in „wir“ und „sie“. Dazu geselle sich leicht eine Tendenz zur Besserwisserei. Ein anderer Fehler sei es, erst dann konkret politisch handeln zu wollen, wenn das „Tal der Tränen“ verlassen worden sei, das das gegenwärtige System errichtet hat.

Zur breiten Meinungsbildung beitragen – statt selbst Macht ausüben

Lipietz ging allerdings auch davon aus, dass die Aufgaben gewählter politischer Repräsentantinnen und Repräsentanten immer weniger darin lägen, letzte Entscheidungen zu treffen. Vielmehr komme es darauf an, dass politische Gruppierungen wie Parteien schon im Vorfeld des Entscheidungsprozesses ihre Argumente durchsetzen und eine politische Mehrheit überzeugen. Dass es den Grünen bereits gelungen sei, diese Meinungsmehrheit zu beeinflussen, zeigte sich für den Autor darin, dass heute alle politischen Parteien von der Wichtigkeit einer intakten Umwelt sprechen und versuchen würden, die Unterstützung oder zumindest die Wählerstimmen von UmweltschützerInnen zu gewinnen. Der Aussage, dass die Ökologie eine zu ernste Sache sei, um sie den Grünen zu überlassen, hielt Alain Lipietz entgegen: „Wie sehr haben diese Parteien sich doch um die Ökologie gekümmert, bevor die Grünen eine politische Kraft wurden!“

In Europa und weltweit – global denken, lokal handeln

Europa beziehungsweise die EU sollte von den Grünen vor allem als Instrument für eine ökologisch ausgerichtete Politik verwendet werden – auch deshalb, weil Umweltfragen nicht von sozialen Fragen abgekoppelt werden können. Lipietz, der von 1999 bis 2009 Abgeordneter im EU-Parlament war, sah eine der Aufgaben der Grünen auch darin, dem nationalistischen Populismus das „Monopol für den politischen Ausdruck des Aufschreis der Unterdrückten“ zu nehmen. Zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches bezog der Autor diese Aufgabe vor allem auf sein Heimatland Frankreich.

Der Autor forderte in seinem Werk von den Grünen, eine große Verantwortung zu übernehmen: Weltweit läge es bei den grünen Bewegungen, eine öffentliche Meinung zu bilden, die „auf Solidarität und Gerechtigkeit bedacht und von Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen und dem Leben auf dem Planeten erfüllt ist.“


Literaturangabe

Alain Lipietz: Grün. Die Zukunft der politischen Ökologie. Hrsg. von Wilfried Graf, Karin Fischer und Sebastian Reinfeldt. Aus dem Französischen von Horst Friessner. Wien: Pro Media Verlag 1998 (Grünes Archiv, Inventarnummer 249)