200-gruenes-vorarlberg-cover13 Prozent erzielten die Vorarlberger Grünen bei den Landtagswahlen 1984. Alternative Liste und Vereinte Grüne waren gemeinsam angetreten. Das politische Erdbeben zeigte Wirkung: Schon im Jahr darauf wurde der Vorarlberger Energiesparverein gegründet. In der Folge entstand eine Entwicklung vorn Energiesparhaus zum Passivhaus, von der flächendeckenden Energieberatung bis hin zur ökologischen Wohnbauförderung. Heute ist Vorarlberg für seine energieeffiziente und ökologische Bauweise und seine Architektur international bekannt. – Zwanzig Jahre später, 2004, publizierte die Grüne Bildungswerkstatt die Jubiläumsschrift „20 Jahre Grünes Vorarlberg. Widerständig und ideenreich“ – daraus bringen wir heute das Kapitel „Sparverein nach Grünem Wahlsieg“, in dem die Geschichte des Energiesparvereins geschildert wird.


// Im März 1985 beschloss die Vorarlberger Landesregierung die Gründung des Energiesparvereins, des heutigen Energieinstituts. „Man hat keinen rechten Willen dazu gehabt, aber nach den Wahlen hat man eben etwas machen müssen“, erinnert sich der erste Geschäftsführer des Vereins, Helmut Hirschfeld. Auch der ehemalige Journalist und Grün-Aktivist Werner Kräutler nennt die Gründung des Energiesparvereins „eine Alibiaktion der ÖVP“: „Die haben gedacht, die paar Wahnsinnigen sind leicht ruhig zu stellen. Wir haben sie damals aber ziemlich vor uns her getrieben.“

Heilsamer Impuls

Ernst Schwald, bei der Gründung im Beirat des Energiesparvereins und ab 1988 dessen Geschäftsführer, sieht das so nicht: „Natürlich ist die Tatsache, dass die Grünen 13 Prozent erzielt haben, dem Land sehr in die Knochen gefahren. Doch war dies ein heilsamer und demokratiepolitisch wertvoller Impuls.“ Schließlich sei es ja „eine bekannte Strategie, Themen nicht allein einer oppositionellen Gruppe zu überlassen, sondern selber aktiv zu bearbeiten. Wir vom Beirat – Karl-Heinz Rüdisser vom Land, Kurt Schörghuber von den VKW [Vorarlberger Kraftwerke, Anm.], Robert Häusle von der Vogewosi [Vorarlberger gemeinnützige Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft, Anm.] und ich – haben diese Aufgabe sehr ernst genommen“, betont Schwald. Das meint auch der ehemalige VKW-Direktor Kurt Schörghuber, wegen der VKW-Kraftwerkspläne damals der Gottseibeiuns der Grün-Szene: „Der Ernst Schwald und ich waren uns aber immer einig: Wenn der Energiesparverein einen Sinn haben soll, muss er unabhängig und seriös arbeiten. Wir sind ja beide Techniker, keine Romantiker.“

Breite Basis

Tatsächlich wurde der Energiesparverein auf eine besonders breite Basis gestellt. „Man wollte das Thema in fast sozialpartnerschaftlicher Form bearbeiten“, analysiert Schwald. „Das war eine sehr umsichtige Konstruktion.“ Vereinsmitglieder waren u.a. Land Vorarlberg, VKW, Wirtschaftskammer, Arbeiterkammer, Vogewosi, Erdgasgesellschaft. Schwald hatte bereits 1978 als WIFI-Mitarbeiter eine Energieberatung für Gewerbebetriebe aufgezogen. „Das damals verwendete Schweröl hatte massive Umweltauswirkungen, das Waldsterben war ein heißes Thema“, blickt der spätere Geschäftsführer des Energiesparvereins zurück. Die Einsparungspotenziale in den Betrieben seien damals so hoch gewesen, dass sich die Maßnahmen auch finanziell rentiert hätten. Kein Wunder also, dass die Beratung positiv aufgenommen wurde.

Gute Geschäfte

Mit der Gründung des Energiesparvereins habe man eine derartige Beratung dann auch für den öffentlichen Wohnbau und die privaten „Hüslebauer“ anbieten wollen, so Schwald. Mit Vortragsreihen und ersten Energieberatungen startete das Angebot. „Das Land hat gedacht, da wird eh nichts Gescheites draus“, meint Ex-Geschäftsführer Hirschfeld. „Doch wir hatten schon am Anfang so große Erfolge, dass man nicht umhin gekommen ist, das wohlwollend zu begleiten.“

Mit der damaligen grünen Landtagsfraktion um Kaspanaze Simma sei man immer im besten Einvernehmen gewesen. Simma sei damals natürlich eine Schlüsselfigur im Energiebereich gewesen, meint auch Schwald. Er hat vor allem die Achse zwischen Simma und VKW-Direktor Kurt Schörghuber in Erinnerung: „Die beiden konnten offensichtlich gut miteinander, haben nächtelang diskutiert.“ Schörghuber nennt den grünen Landtagsabgeordneten freundlich „ein Wälder Schlitzohr“: „Wir sind uns gegenseitig mit höchstem Misstrauen begegnet, waren in vielen Dingen anderer Meinung. Trotzdem habe ich ihn menschlich immer sehr geschätzt.“

Architekten dachten um

Eine zweite Wurzel hat der spätere Öko-Bauboom in Vorarlberg unter den Architekten. „Die Kleinheit des Landes“ habe bewirkt, dass sich das Know-how für solares Bauen sehr rasch verbreitet habe, ist Helmut Krapmeier, Architekt, Solarexperte des Energie-Instituts und Professor an der Donau-Universität Krems, überzeugt.

Einige Vorarlberger Schüler von Architekt Roland Rainer hatten sich mit dem Thema auseinander gesetzt. In den 70er-Jahren habe die Cooperative von Dietmar Eberle, Markus Koch. Norbert Mittersteiner und Wolfgang Juen mit der Siedlung Im Fang in Höchst auch eine Antwort auf die erste Ölkrise geben wollen, analysiert Krapmeier.

Kleinheit als Vorteil

So habe sich der Virus unter den Architekten des Landes verbreitet, meint der Solarexperte: „Das ist ganz klar ein Fall von ’small is beautiful‘.“ Weitere Impulse gab der norwegische Architekt Sture Larsen, der sich zu Beginn der 80er-Jahre in Vorarlberg niedergelassen hatte. Als „Innovationsgenie“ bezeichnet ihn Ex-VKW-Direktor Schörghuber: „eine Mischung aus Idealist und Besessenem“. Auch der ORF-Umweltjournalist Christian Mähr sieht wie Krapmeier in den kleinen Strukturen des Landes einen wesentlichen Faktor für den Erfolg solaren Bauens: „Wir haben keine Großkonzerne, keine Schwerindustrie, keine wirkliche Lobby für Kohle oder Öl. Anderswo denkt man beim Stichwort Solarenergie an ein großes zentrales Kraftwerk. In Vorarlberg denkt jeder an sein eigenes Häuschen“, meint Mähr.

Der Wink mit dem Geld

Ende der 80er-Jahre kam bereits Bewegung in die Szene: Der Energiesparverein baute in kurzer Zeit ein flächendeckendes Netz an Energieberatern auf. „Aus den vielen Beratungen haben wir gesehen, welch große Einsparungspotenziale da sind“, schildert Ex-Geschäftsführer Ernst Schwald. Die Idee, die Wohnbauförderung als Anreiz zu verwenden, hält er für einen Eckpfeiler der späteren Erfolgsstory: „Der damalige Leiter der Abteilung Wohnbauförderung hat gesagt: Macht, was ihr wollt, aber lasst mich mit der Abwicklung in Ruhe. Aber der Landesrat Sausgruber als Wohnbaureferent ist drauf eingestiegen und hat mit der Schaffung des Energiesparfonds die erforderlichen Finanzmittel bereitgestellt.“

Technologischer Fortschritt

Bereits 1988 führte das Land die Förderung für „Energiesparhäuser“ ein. Angesichts der „allgemeinen Spargesinnung im Land“ (Mähr) waren die Vorarlberger mit dem finanziellen Argument leicht zu überzeugen. Zwischen 1988 und 1994 entstanden 1000 Energiesparhäuser, 8,5 Millionen Kilowattstunden Heizenergie wurden dadurch eingespart. 1994 wurde bereits jeder zweite Neubau in Vorarlberg im Energiesparhaus-Standard ausgeführt.

Auch die Verbreitung von Sonnenkollektoren in Vorarlberg nahm sprunghaft zu. Den „Hüslebauern“ kam entgegen, dass die Kollektoren in Selbstbaugruppen hergestellt werden konnten. Architekt Helmut Krapmeier war im bayrischen Wissenschaftszentrum Weihenstephan bei den Anfängen dabei: „Zuerst waren das nicht viel mehr als angestrichene Heizkörper.“

Förderung für Ergebnisse

Über die Steiermark verbreiteten sich die Selbstbaugruppen auch nach Vorarlberg. Zu den ersten Aktivisten gehörten Walter Pfister, heute Obmann der Arbeitsgemeinschaft Erneuerbare Energie in Vorarlberg, und Gebhard Bertsch. Er machte später sein Hobby zum Beruf und baute mit DOMA Solartechnik einen der größten österreichischen Anbieter von Sonnenkollektoren auf. Als die Vorarlberger Grünen einen Antrag auf Förderung der Solaranlagen einbrachten, beauftragte das Land den Energiesparverein damit, die Kriterien auszuarbeiten. Dort machte sich der inzwischen nach Vorarlberg übersiedelte Helmut Krapmeier an die Arbeit und trug dabei dem Selbstbau-Boom Rechnung: .Wir haben eine meines Wissens nach wie vor einzigartige Förderung entwickelt, die sich nicht nach der Höhe der Investition, sondern nach dem erzielten Ergebnis richtet. Das heißt: Für die Förderung musste man nicht zwangsweise etwas kaufen, sondern etwas tun.“

Boom bei Kollektoren

Prompt kritisierten die damals noch wenigen gewerblichen Anbieter, das Land fördere den Pfusch, die selbst gebauten Kollektoren könnten ja nichts taugen. Krapmeier organisierte sich einen solchen Selbstbau-Kollektor und ließ ihn in der Schweiz auf den Prüfstand stellen. Er lag etwa im Durchschnitt der industriell gefertigten Anlagen, die Einwände der Unternehmen waren damit vom Tisch. 1991, im ersten Jahr, förderte das Land 2.052 Quadratmeter Kollektorfläche, im vergangenen Jahr 2003 lag die geförderte Fläche bereits bei mehr als dem Sechsfachen. Insgesamt sind seit 1991 in Vorarlberg rund 100.000 Quadratmeter Sonnenkollektoren entstanden.

Gute Investition

Auch der Energiesparverein wuchs kräftig: Von der Gründung bis zu Schwalds Rücktritt als Geschäftsführer 1995 stieg das Budget von rund 800.000 auf über 20 Millionen Schilling. „Es ist absolut nicht selbstverständlich, dass in so einer Einrichtung ein solches Wachstum entsteht“, lobt Schwald. Es habe ein „Vertrauen der politisch Handelnden In die Akteure“ gegeben und auch „Einsicht in Sinn und Nutzen der gesamten Vereinsaktivitäten“. Die konsequente politische Arbeit von Kaspanaze Simma und allein die Tatsache, dass es eine Grüne Partei im Landtag gibt, habe die Arbeit mit Sicherheit unterstützt. Solarexperte Helmut Krapmeier beschreibt das Verhältnis nüchtern: „Viele Impulse kommen aus der Ecke und werden schlauerweise von der Landespolitik aufgegriffen. Gutes setzt sich auf Dauer durch – steter Tropfen höhlt den Stein.“ //