366 x grün

Weblog des Grünen Archivs zur Geschichte der Grünen und Alternativen in Österreich

Kategorie: Wenn ich so zurückdenke… (Seite 1 von 3)

„Mein grüner Moment“ – wie war das als erste grüne Gemeinderätin, als Demonstrant gegen Zwentendorf? Was waren unterhaltsame, bemerkenswerte, traurige Augenblicke?

Warum der Nicakaffee scheußlich schmeckte

Benjamin Hohlmann: esteli 226. Flickr, CC-BY-NC (2011)

Benjamin Hohlmann: esteli 226. Flickr, CC-BY-NC (2011)

Grünbewegte der ersten Stunden können sich sicher an ihn erinnern: den Solidaritätskaffee. Menschen aus den alternativen Bewegungen, vor allem die Dritte-Welt-Solidaritätsgruppen, wollten mit dem Kauf des Kaffees den Freiheitskampf der Bevölkerung von Nicaragua unterstützen. Das Problem: Der Solikaffee oder Nicakaffee war, um es höflich zu formulieren, keine kulinarische Offenbarung.

Die Hamburger Journalistin Gerlinde Geffers hat nachgefragt, „warum der Nicakaffee scheußlich schmeckte“, zwei Mitarbeiter der GEPA als Vorreiter auf dem Gebiet des fairen Handels haben geantwortet. Ihren Beitrag hat uns Geffers freundlicherweise für unser Blog zur Verfügung gestellt.


Warum der Nicakaffee scheußlich schmeckte

Zwei GEPA-Mitarbeiter können das erklären. Gerd Nickoleit importierte 1979 den ersten Soli-Kaffee aus Nicaragua. Hans Jürgen Wozniak berät Kleinbauern, damit sie besseren Kaffee produzieren.

Nica-Kaffee hat scheußlich geschmeckt. Warum haben die Leute ihn trotzdem getrunken?

Gerd Nickoleit: Es ging ja nicht um den Kaffee, es ging um Solidarität mit Nicaragua. Es gab eine große Bewegung in der alternativen Szene, die sagte damals: Wir müssen das Volk von Nicaragua in seinem Kampf gegen Somoza unterstützen. Nach El Triumpho, der Revolution im Juli 1979, wollten die Leute den Aufbau unterstützen. Einige sind sogar nach Nicaragua gereist, um den Leuten bei der Kaffeeernte zu helfen – ob das eine Hilfe war, ist eine andere Sache. Auf jeden Fall ging es um Solidarität mit einem Land, das aus eigener Kraft einen Weg gegen die USA eingeschlagen hatte und daraufhin von den USA boykottiert wurde. Zur Solidarität gehörte es daher, Produkte aus Nicaragua zu konsumieren, darunter Kaffee – eines der wichtigsten Produkte.

Wie haben Sie die Kontakte geknüpft?

Gerd Nickoleit: Anfangs haben wir uns an die staatliche Organisation Encafe gewandt, die nach der Revolution den Kaffeevertrieb verstaatlicht hatte. Ich bin im September nach der Revolution nach Nicaragua gereist und habe dort mit Ernesto Cardenal gesprochen. Der hat mir den Kontakt zu Encafe verschafft.

War Ihnen damals klar, wie schlecht der Kaffee schmeckte?

Gerd Nickoleit: Ich war überhaupt kein Kaffeeexperte. Heute weiß ich: Kaffee aus Nicaragua ist kein schlechter Kaffee, er hat nur einen hohen Säuregehalt. Für einen guten Kaffee wird er deshalb üblicherweise mit anderen Kaffees gemischt. Aber es ging ja um die Unterstützung von Nicaragua, deshalb konnte er nicht gemischt werden. Hinzu kam, dass aus Nicaragua anscheinend nach der Revolution alle Kaffeeexperten ins Ausland abgewandert waren und die Leute bei Encafe auch keine Fachleute waren. Wir hatten also auf beiden Seiten mehr guten Willen als Fachkenntnisse.

Sie haben erst Anfang der 90er Jahre angefangen, an der Qualität zu arbeiten. Warum so spät?

Gerd Nickoleit: Lange Zeit ging es gut, wir sahen überhaupt kein Problem. Der Handel der Gepa war eine Solidaritäts- und Bildungsgeschichte. Die Story vom Nica-Kaffee ist da sehr charakteristisch. Vor lauter Solidarität haben wir gar keine fachliche Rückmeldung gegeben. So bekamen wir auch nicht immer die beste Qualität. Die ist anscheinend nach Russland verschickt und von dort auf dem Weltmarkt verscheuert worden. So wurde Schritt für Schritt die Qualität des Kaffees auch noch schlechter – unabhängig vom hohen Säuregehalt. Schließlich sind bei der Verarbeitung noch zusätzliche Fehler gemacht worden. Hier kam auf einmal Kaffee mit überfermentierten Bohnen an. Der hat gestunken. Der war wirklich nicht mehr zu trinken. Ich habe dann einen Brief an Encafe geschrieben und gefragt: Leute, wie könnt ihr an uns, die wir doch so solidarisch sind, so einen Mistkaffee liefern? Die Antwort war: An wen denn sonst?

Das war zuviel.

Gerd Nickoleit: Genau. Bis dahin hatten wir uns auf der Solidaritätsschiene über Wasser gehalten. Aber dieser schlechte Kaffee hatte das Image der Gepa praktisch kaputt gemacht. Das war der Punkt, an dem die Gepa einen Kaffeeexperten eingestellt hat. Wir haben Druck gemacht und haben uns selbst erheblich verändert. Wir haben gelernt, dass Entwicklung auch etwas mit permanenter Verbesserung zu tun hat. Ohne Qualitätsprodukte haben weder die Kaffeebauern noch wir hier eine Chance. So sind wir umgeschwenkt vom alternativen Kaffee zum fairen Kaffee und zu Qualitätsprodukten. Lesen Sie weiter

292/366: Doris Bures gratuliert den Grünen zum 30er

Nationalratspräsidentin Doris Bures. Foto: Peter Rigaud

Nationalratspräsidentin Doris Bures. Foto: Peter Rigaud

„Den professionellen Anspruch der grünen Parlamentsarbeit stellt heute niemand mehr in Frage“. Nationalratspräsidentin Doris Bures war bei der Festveranstaltung zu „30 Jahre Grüne im Parlament“ verhindert, richtete den Grünen aber schriftlich herzliche Grüße aus. Bures erinnert sich darin an ihre erste Begegnung mit der grünen Fraktion im Hohen Haus und lobt die Kontrollarbeit und die konstruktive Arbeit, für die die Grünen stehen. Hier ihre Grußbotschaft, die bei der Feier verlesen wurde.


// Sehr geehrte Frau Klubvorsitzende Dr.in Glawischnig,

herzlichen Dank für Ihre Einladung zur Festveranstaltung des Grünen Parlamentsklubs!

Nachdem ich am fraglichen Tag leider verhindert bin, darf ich Ihnen auf diesem Weg meine herzlichste Gratulation zum 30-jährigen Bestehen aussprechen.

Vor nunmehr drei Jahrzehnten sind die Grünen als junge Bewegung in das österreichische Parlament eingezogen und haben dabei neben der Parteienlandschaft so manches auf den Kopf gestellt.

Gelöbnisformel erstmals auf Kroatisch

Mir persönlich in besonderer Erinnerung ist die konstituierende Sitzung des Nationalrates im November 1990, in der ich selbst das erste Mal als Abgeordnete angelobt und sogleich auch persönlich Zeugin des innovativen „grünen Aktionismus“ wurde: Die Grüne Abgeordnete Christine Heindl hat in dieser Sitzung sehr einprägsam für das wichtige frauenpolitische Anliegen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie geworben, indem sie ihr Baby im Plenarsaal gestillt hat. Und ihre Kollegin Marijana Grandits sorgte für Aufmerksamkeit, als sie die Gelöbnisformel erstmals auf Kroatisch sprach.

Kontrollarbeit

Die Grünen sind in den vergangenen 30 Jahren freilich nicht bloß durch Aktionismus und Tabubrüche aufgefallen. Sie leisten insbesondere einen wichtigen Beitrag zur parlamentarischen Kontrollarbeit und haben sich im Hohen Haus auch als konstruktive Kraft in der Gesetzgebung verdient gemacht.

professioneller Anspruch

Den professionellen Anspruch der grünen Parlamentsarbeit stellt heute niemand mehr in Frage.

Mit besten Grüßen, Ihre Doris Bures //

280/366: Rudi Anschober erinnert sich an einen Sonntag im Herbst 2003

Rudi Anschober auf dem grünen Regierungssitz auf der Titelseite des OÖ Planet 29/2003 (Grünes Archiv)

Rudi Anschober auf dem grünen Regierungssitz.

Vor dreizehn Jahren, am 5. Oktober 2003, gelang den oberösterreichischen Grünen der Einzug in die Landesregierung. Mit der ÖVP wurde die erste schwarz-grüne Koalition auf Landesebene gebildet [in Tirol hatte es bereits von 1994-1999 eine grüne Regierungsbeteiligung aufgrund des Proporzsystems, aber keine Koalition im eigentlichen Sinn gegeben. Landesrätin war Eva Lichtenberger].

Rudi Anschober erinnert sich an diesen besonderen Tag zurück:


Heute ist Sonntag, der 5. Oktober 2003 – Wahltag in Oberösterreich. Nach unserem erstmaligen Einzug in den Landtag im September 1997 mit 5,6 Prozent und damit drei Landtagsabgeordneten, haben wir uns uns für den heutigen Tag hohe Ziele gesetzt: erstmals in die Landesregierung einzuziehen und damit mindestens 9 Prozent zu erreichen. Landauf-, landab sind wir mit einem grünen Regierungssessel [Bild, Anm.] präsent und wir wollen es wissen.

Wunderschöner Herbsttag

Der Wahltag ist ein einziger Krimi: ein wunderschöner Herbsttag und ab dem ersten Gemeindeergebnis werden uns starke Zuwächse vorhergesagt. Aber ob es reichen wird? Ja, es wird ein Zittersieg! Erst gegen 20 Uhr ist klar, dass wir es geschafft haben, mit 9,1 Prozent schaffen wir fünf Landtagsmandate und überschreiten die Latte des Regierungseinzugs um wenige hundert Stimmen. Mit hunderten Grünen und vielen anderen feiern wir im OK in Linz und dann in der Linzer Altstadt bis in die Morgendämmerung.

Und was wir heute noch nicht wissen: in wenigen Wochen wird die erste schwarzgrüne Regierungskoalition Österreichs fixiert, ich werde Landesrat für Umwelt, Wasser, Energie- und KonsumentInnenschutz. Eine Ära der oö. Landespolitik beginnt!

257/366: Hainburg als Sternstunde des zivilen Ungehorsams. Ein Zwettler erinnert sich

Festschrift "Grünes Jubiläum Zwettl".

Festschrift „Grünes Jubiläum Zwettl“.

„Sich als Grüner zu outen war nicht einfach. Wenn jemand eine Karriere im Landesdienst (z.B. Lehrer) anstrebte, war grünes Engagement nicht erwünscht“, erinnert sich der Zwettler Förster und frühere grüne Bezirkssprecher Gerald Blaich. Hier sein Rückblick aus der Festschrift der Zwettler Grünen.


// Freda Meissner-Blau, die „Grande Dame“ der Grünen Bewegung, die ich schon vorher in Stift Zwettl kennen lernen durfte, nahm „mit denen, die das Sagen haben“ (einer ihrer beliebten Sätze), die Konfrontation auf. Freda, wie wir sie nannten, einigte die verschiedenen Strömungen und so konnten die Grünen 1986 zum ersten Mal ins Parlament einziehen. Von den Etablierten misstrauisch betrachtet bis verachtet, waren wir eine junge politische Bewegung, die endlich alles besser machen wollte. Für uns war klar: Alle Menschen sind gleich, leben in Frieden und Harmonie mit sich selbst und der Natur.

Waldsterben

Meine Motivation, den Umweltschutz voran zu bringen, waren meine Beobachtungen einer Umweltzerstörung in allen Bereichen. Als Förster engagierte ich mich als Vortragsreisender zum Thema Waldsterben. Später war ich im Kernteam bei der Gründung der Umweltberatung. Und schließlich gründeten wir die Anti-Atom-Plattform gegen das AKW Temelin. In meinem Forstrevier begann ich mit naturnahem Waldbau. Beim Landesbeauftragten für das Waldviertel, Adi Kastner, fand ich offene Ohren für die Waldpflege und so entstand nach intensivem Engagement ein neuer Beruf, der des Waldpflegers. Als der Bosnienkrieg (1992-1995) tobte, suchten wir leer stehende Wohnungen im Stift. Mehrere bosnische Flüchtlingsfamilien fanden hier ein neues zu Hause. Mit Erfolg suchten wir für einige von ihnen Arbeitsplätze. Ein Großteil dieser ehemaligen Asylanten sind heute gut integrierte österreichische Staatsbürger.

Aufstellen von  Plakatständern untersagt

Auf der grünen Landkarte war das Waldviertel einer der letzten „weißen Flecken“. Wir wurden von den Kremser Grünen besucht und ermuntert Parteistrukturen aufzubauen. Eine große Schwierigkeit war, genügend Unterstützungserklärungen vor Wahlen zu bekommen. Sich als Grüner zu outen war nicht einfach. Wenn jemand eine Karriere im Landesdienst (z.B. Lehrer) anstrebte, war grünes Engagement nicht erwünscht. Dass wir von den Etablierten sehr weit links stehend wahrgenommen wurden, kam uns nicht wirklich in den Sinn. Wir waren schließlich die Guten. „Wos brauch ma de Grean“ hörten wir öfters. Auch das Aufstellen von  Plakatständern auf dem Hauptplatz wurde uns untersagt. Ich sehe noch Bruno Gorsky vor dem Cafe Hausleitner als „Sandwich“ auf und ab spazieren. Er hatte sich vorne und hinten eine große Tafel mit unseren Botschaften umgehängt und erregte damit Aufmerksamkeit. Lesen Sie weiter

219/366: Mund aufmachen! Über die leisen Frauen in der Politik

„Allen grünalternativen Frauen in Funktionen, sei es als Bezirksrätinnen, sei es parteiintern, sei eines aus eigener Erfahrung empfohlen: Mund aufmachen, keine Ängste und brüllt sie ruhig an, auch wenn eine andere Kultur angebracht wäre“, schreibt Hedvig-Doris „Hedi“ Spanner-Tomsits in ihrer Rückschau auf drei Jahre als grüne Bezirksrätin in Wien-Josefstadt, erschienen in der Zeitschrift „Brot & Rosen“ 4/1992.

Download im Original-Layout: 219-brot-rosen-bezirksraetin-mund-aufmachen (PDF, 0,3 MB)


Als Frau schaffst Du alles.

Als Frau schaffst Du alles.

Grüß Sie Gott, Frau Bezirksrat eh -Rätin!

Gremien, ob offizielle oder private, entpuppen sich in der Regel nach kürzester Zeit als Tummelplätze der Selbstdarstellung, insbesondere männlicher Selbstdarstellung. Oftmals erinnern sie in ihrem Habitus an die Urzeiten der Menschheit oder besser ausgedrückt an die evolutionäre untere Ebene, nämlich der Menschenaffen.

oberlehrerhaft

Natürlich hierarchisch gegliedert, erlebt man die Auftritte der sogenannten offiziellen bzw. inoffiziellen Führer, je nach Gruppenstruktur. Von belehrendem Verhalten gegenüber der eigenen Fraktion als auch gegenüber der Gegnerkollegenschaft: „Schauen’s, Frau Kollegin, des müssens so machen“ bis über’s oberlehrerhafte Abprüfen der Geschäftsordnung: „Des müssens eigentlich schon wissen!“. Die Oberliga der Bezirksführerschaft ist, was natürlich durchaus als politisch-strategisches Denken aufgefaßt werden kann, nicht besonders auskunftsfreudig, allerdings auch dort, wo’s längst überflüssig ist. In mittlerweile altbekannte Angelegenheiten wird endlos hineingeheimst, sodaß es an Magierituale der Medizinmänner von Naturvölkern erinnert.

Durchschaut man mit der Zeit diese Strukturen, erlebt man, daß die Informationsbeschaffung hauptsächlich vom Bezirksvorsteher erfolgt. D.h. in der Praxis weiß der Bezirksvorsteher plus Vertreter soviel wie die kleinen Oppositionsparteien. Ob es an eigener Unfähigkeit liegt oder an tatsächlich behaupteter Uninformiertheit seitens der eigenen Partei, möge dahingestellt sein. Allerdings ist ersichtlich, und wird so im privaten Rahmen gerne bestätigt, daß die eigenen Bezirksgranden seitens des Rathauses nicht sonderlich ernstgenommen werden. Abänderungsvorschläge der Bezirksstrukturen werden aber empört abgewiesen, hätten sie doch zumindest die eigene Existenz betreffend, äußerst nachteilige Konsequenzen für die Bezirkshäuptlinge. Lesen Sie weiter

204/366: 30 Jahre Grüne Vorarlberg im Film

Eine Dokumentation zur Reflexion der Arbeit der Grünen in Vorarlberg mit Herbert Sausgruber, Brigitte Bitschnau-Canal, Siegfried Gasser, Albert Lingg, Hanno Loewy, Willi Sieber, Eva Grabherr, Ludwig Summer, Ulrich Gabriel, Martin Geser, Hildegard Breiner, Geli Salzmann, Gernot Jochum-Müller, Michael Manhart, Elisabeth Burtscher, Josef Kittinger, Daniel Zadra und Nina Tomaselli. Ein Film von Ulrich Schwendinger.

200/366: Sonnenkollektor Marke Eigenbau. Energiesparverein in Vorarlberg

200-gruenes-vorarlberg-cover13 Prozent erzielten die Vorarlberger Grünen bei den Landtagswahlen 1984. Alternative Liste und Vereinte Grüne waren gemeinsam angetreten. Das politische Erdbeben zeigte Wirkung: Schon im Jahr darauf wurde der Vorarlberger Energiesparverein gegründet. In der Folge entstand eine Entwicklung vorn Energiesparhaus zum Passivhaus, von der flächendeckenden Energieberatung bis hin zur ökologischen Wohnbauförderung. Heute ist Vorarlberg für seine energieeffiziente und ökologische Bauweise und seine Architektur international bekannt. – Zwanzig Jahre später, 2004, publizierte die Grüne Bildungswerkstatt die Jubiläumsschrift „20 Jahre Grünes Vorarlberg. Widerständig und ideenreich“ – daraus bringen wir heute das Kapitel „Sparverein nach Grünem Wahlsieg“, in dem die Geschichte des Energiesparvereins geschildert wird.


// Im März 1985 beschloss die Vorarlberger Landesregierung die Gründung des Energiesparvereins, des heutigen Energieinstituts. „Man hat keinen rechten Willen dazu gehabt, aber nach den Wahlen hat man eben etwas machen müssen“, erinnert sich der erste Geschäftsführer des Vereins, Helmut Hirschfeld. Auch der ehemalige Journalist und Grün-Aktivist Werner Kräutler nennt die Gründung des Energiesparvereins „eine Alibiaktion der ÖVP“: „Die haben gedacht, die paar Wahnsinnigen sind leicht ruhig zu stellen. Wir haben sie damals aber ziemlich vor uns her getrieben.“

Heilsamer Impuls

Ernst Schwald, bei der Gründung im Beirat des Energiesparvereins und ab 1988 dessen Geschäftsführer, sieht das so nicht: „Natürlich ist die Tatsache, dass die Grünen 13 Prozent erzielt haben, dem Land sehr in die Knochen gefahren. Doch war dies ein heilsamer und demokratiepolitisch wertvoller Impuls.“ Schließlich sei es ja „eine bekannte Strategie, Themen nicht allein einer oppositionellen Gruppe zu überlassen, sondern selber aktiv zu bearbeiten. Wir vom Beirat – Karl-Heinz Rüdisser vom Land, Kurt Schörghuber von den VKW [Vorarlberger Kraftwerke, Anm.], Robert Häusle von der Vogewosi [Vorarlberger gemeinnützige Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft, Anm.] und ich – haben diese Aufgabe sehr ernst genommen“, betont Schwald. Das meint auch der ehemalige VKW-Direktor Kurt Schörghuber, wegen der VKW-Kraftwerkspläne damals der Gottseibeiuns der Grün-Szene: „Der Ernst Schwald und ich waren uns aber immer einig: Wenn der Energiesparverein einen Sinn haben soll, muss er unabhängig und seriös arbeiten. Wir sind ja beide Techniker, keine Romantiker.“

Breite Basis

Tatsächlich wurde der Energiesparverein auf eine besonders breite Basis gestellt. „Man wollte das Thema in fast sozialpartnerschaftlicher Form bearbeiten“, analysiert Schwald. „Das war eine sehr umsichtige Konstruktion.“ Vereinsmitglieder waren u.a. Land Vorarlberg, VKW, Wirtschaftskammer, Arbeiterkammer, Vogewosi, Erdgasgesellschaft. Schwald hatte bereits 1978 als WIFI-Mitarbeiter eine Energieberatung für Gewerbebetriebe aufgezogen. „Das damals verwendete Schweröl hatte massive Umweltauswirkungen, das Waldsterben war ein heißes Thema“, blickt der spätere Geschäftsführer des Energiesparvereins zurück. Die Einsparungspotenziale in den Betrieben seien damals so hoch gewesen, dass sich die Maßnahmen auch finanziell rentiert hätten. Kein Wunder also, dass die Beratung positiv aufgenommen wurde. Lesen Sie weiter

146/366: Staatspolizei überwachte Atomkraftgegner_innen

Das Schreiben des Innenministeriums an Wolfgang Pirker.

Das Schreiben des Innenministeriums an Wolfgang Pirker.

Gegen Waldheim und Wackersdorf demonstriert? Für die Grüne Alternative kandidiert? Für die Friedensbewegung engagiert gewesen? Die österreichische Staatspolizei war dabei. Wolfgang Pirker, der bis 2001 bei den Grünen in Ried im Innkreis (Oberösterreich) aktiv war, erinnert sich an seinen Akt bei der Stapo. Die Staatspolizei war die Vorgängerin des Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung als Inlandsgeheimdienst des Innenministeriums.


Die Grüne Bewegung kenne ich seit ihren Anfängen. Ich war Mitbegründer der Grün-Alternativen Gruppe in Ried im Innkreis in Oberösterreich. Bei den Wahlen 1985 sind wir erstmals angetreten und waren fortan mit einem Mandat im Gemeinderat vertreten.

Dass die Anfänge der Grünen mit sehr viel Skepsis von den bestehenden politischen Parteien verfolgt wurden, spiegelt sich eindrucksvoll in der medialen Berichterstattung dieser Jahre wider. Doch nicht nur von Seiten der Medien und der politischen MitbewerberInnen war man skeptisch gegenüber diesen Entwicklungen.

Ich erinnere mich noch gut an den 5. Juni 1990. An diesem Tag erreichte mich ein RSa-Brief des Innenministeriums. Adressiert an „Wolfgang Pirker, Kirchengasse 12, 4910 Innsbruck“ bzw. „Ried in Innsbruck“. Allein diese kuriose Adressierung veranlasste mich in der nächsten Ausgabe unserer Zeitung „Der Grünspecht“ einen Kommentar mit dem Titel „Ich bin kein Tiroler!“ zu verfassen.

Doch nun zum Inhalt des Briefes. Enthalten war darin mein StaPo-Akt oder wie es in dem Schreiben hieß „die Aufzeichnungen in den Evidenzen des Bundesministeriums für Inneres sowie bei der Sicherheitsdirektion, die für die von Ihnen angegebene Postanschrift zuständig ist“.

Es folgten detaillierte Auflistungen all jener Veranstaltungen und Versammlungen der Grün-Alternativen Bewegung, an denen ich teilgenommen hatte.

Aus dem Jahre 1984:
Sie wären Teilnehmer an einem Plenum der österreichischen Friedensbewegung in Linz gewesen.

1985:
Anläßlich der Landtagswahl am 6.10.1985 wären Sie Wahlwerber der „GAL“ gewesen.
Sie hätten weiters am 21.12.1985 an einer Demonstration gegen den Bau der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf teilgenommen.

1986:
Teilnehmer am sogenannten Plenum der BIP am 21.6.1986 in Linz.

1987:
Teilnehmer an einer Protestkundgebung gegen Bundespräsidenten Dr. Waldheim anläßlich der Eröffnung des Brucknerfestes 1987 in Linz.


Download des gesamten Schreibens: 146-stapo-ueberwachung-pirker-1990 (PDF, 0,7 MB)

145/366: Opposition und eine Prise Aktionismus

Brigid Weinzinger und Martin Fasan boten im Jahr 2003 ein "best of Landtag".

Brigid Weinzinger und Martin Fasan boten im Jahr 2003 ein „best of Landtag“ – einen humoristischen Rückblick auf die ersten fünf Jahre.

„Die erste Periode mit Grünen Landtagsabgeordneten ist fast vorbei. Konsequente Opposition, ungewohnt sachpolitische Beiträge und eine Prise Aktionismus haben frischen Wind gebracht“, so erinnern sich Brigid Weinzinger und Martin Fasan an die ersten fünf Jahre Grüne im niederösterreichischen Landtag. Der Beitrag „Grüne Pioniere“ erschien im Jänner 2003 in der grünen „Basis“.


// Ein Kulturschock war der Einzug der Grünen in den NÖ-Landtag. Wo einstmals rechte Beschaulichkeit das Zusammentreffen der schwarzen, roten und blauen Regierungsparteien prägte, sorgten die Grünen erstmals für Oppositionspolitik — konsequent und kritisch. Dabei waren die Mittel, die den Grünen zur Verfügung standen, bescheiden. Zur Erinnerung: In NÖ sind in den Ausschüssen des Landtags nur die drei Regierungsparteien zugelassen; das Recht, Anträge einzubringen oder Aktuelle Stunden zu beantragen, steht ebenfalls nur den Regierungsparteien zu. Vom Zugang zu Informationen aus der Beamtenschaft ganz zu schweigen. Dafür konnten die beiden Grün-Abgeordneten auf wertvolle Informationen von Bürgerinitiativen und Gemeindegruppen zurückgreifen, auf ein starkes Grünes Netz an Personen und Fachwissen.

Kampf den Natursünden

Dass in Ebreichsdorf keine Stronach-Erlebniswelt mit gigantischer Weltkugel steht, ist der herausragendste Erfolg beim Naturschutz. Aber ähnlich wie beim Natura-2000-Gebiet der „Welschen Halten“ bei Ebreichsdorf gibt es in ganz NÖ große und kleinere Projekte, die wertvollen Naturraum bedrohen und manchmal sogar gesetzeswidrig sind, wie die Grünen anhand von Schwarzbauprojekten aufzeigen konnten. Eine Kampagne und die Veröffentlichung des „Schwarzbuchs Naturschutz“ machten gleich von Anfang an klar, dass es nicht genügt, in NÖ zwei Nationalparke als Vorzeigeprojekte zu haben und sonst überall mit Wirtschafts-und Gewerbeinteressen über die Natur drüberzufahren. Apropos Nationalparks: Erst teilweise geschlagen ist der Kampf um einen dritten Nationalpark für NÖ. Der Wienerwald braucht dringend wirksamen Schutz in Form eines Biosphärenparks mit einer Kernzone Nationalpark. Lesen Sie weiter

139/366: 50 Nummern Grünes Land: von Gentechnikfreiheit bis Almenförderung

139-rueckblick-50-nummern-gruenes-landFünfzig Nummern der Zeitschrift „Grünes Land“ informieren über die Aktivitäten der Grünen Bäuerinnen und Bauern in den Jahren 2005 bis 2015. Hier ein Überblick über die wichtigsten Themen: vom Marsch für ein gentechnikfreies Europa mit mehr als dreitausend Menschen über das Glyphosatverbot und den Bienenschutz bis zurAgrarwende. Die Grünen Bäuerinnen und Bauern als Teil der grün-alternativen Bewegung setzen sich unter anderem für die flächendeckende Ökologisierung der österreichischen Landwirtschaft bei gerechter Entlohnung bäuerlicher Arbeit, die politische Solidarität und die kulturelle Eigenständigkeit der Bäuerinnen und Bauern sowie die Gestaltung von Ernährungs- und Agrarpolitik im Sinne der internationalen Solidarität mit den Hungernden dieser Erde ein.

Download des Rückblicks im Original-Layout: 139-rueckblick-50-nummern-gruenes-land (PDF, 2 MB)


2005: Ländliche Entwicklung: Chancen nutzen!

In der ersten Zeitungsnummer im Mai 2005 setzte sich Grünes Land mit dem EU-Programm „Ländliche Entwicklung 2007-2013“ auseinander. Die Grünen Bäuerinnen und Bauern setzten sich gegen Kürzungen und für die Verankerung der Gentechnikfreiheit im Umweltprogramm ein.

2006: Marsch für ein gentechnikfreies Europa

Ein deutliches Zeichen für ein gentechnikfreies Europa setzten mehr als 3000 Menschen, die vor der EU-Koexistenz-Konferenz am 5. April in Wien demonstrierten. Aus über 20 Ländern waren Bauern und Bäuerinnen und Umweltaktivisten mit Traktoren, Transparenten und Gentechnikfrei-Fahnen gekommen. Die Plattform von 40 Organisationen — darunter Bio-Austria, Agrarbündnis, Grünen Bäuerinnen und Bauern, Umweltgruppen und kirchliche Organisationen — forderte, dass die EU-Kommission nicht den Gentechnik-Anbau erzwingen, sondern die Gentechnikfreiheit aktiv unterstützen solle.

2007: Grüne Bauern kritisieren Kürzung des OPUL-Programms

Die Grünen Bäuerinnen und Bauern kritisierten die Senkung der Bioprämien und Kürzung des ÖPUL-Programms durch Minister Pröll um 130 Mio. Euro. Da Bio-Produkte boomen, forderten die Grünen Bäuerinnen und Bauern die Ausweitung der Bioflächen.

Alexander van der Bellen, Michael Johann und Eva Glawischnig bei der Ziegenkäse-Verkostung.

Alexander van der Bellen, Michael Johann und Eva Glawischnig bei einer Ziegenkäse-Verkostung.

2008: Grüner Bundeskongress in Alpbach

Im Mai fand im Tiroler Alpbachtal der Bundeskongress der Grünen statt. VertreterInnen der Grünen Bäuerinnen und Bauern empfingen die Delegierten, darunter Bundessprecher Alexander Van der Bellen und Eva Glawischnig, die dritte Präsidentin zum Nationalrat, mit einer Verkostung von Ziegenkäse aus der Produktion einer Tiroler Bio-Bergbauernfamilie. Die Grünen Bäuerinnen und Bauern forderten eine stärkere Unterstützung für die Bio- und Grünlandbetriebe, die einen wesentlichen Beitrag zur Erzeugung gesunder Lebensmittel und Pflege unserer Landschaft leisten. Lesen Sie weiter

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