366 x grün

Weblog des Grünen Archivs zur Geschichte der Grünen und Alternativen in Österreich

Kategorie: Im Gespräch (Seite 1 von 2)

Interviews mit grünen Zeitzeug_innen

252/366: 30 Jahre Grüne Bregenz im Video-Rückblick

Von der Zeit, als die Gruppe aus zwei, drei engagierten Leuten bestand, bis zur grünen Vizebürgermeisterin: 30 Jahre Grüne Bregenz im Rückblick. Zu Wort kommen Gerd Köhler, Jutta Berger, Gernot Kiermayr und Roswitha Steger.

206/366: Wilfriede Monogioudis und Irene Windisch im Gespräch

Wilfriede Monogioudis und Irene Windisch im Gespräch.

Wilfriede Monogioudis und Irene Windisch im Gespräch.

Bei der Grazer Gemeinderatswahl am 24. Jänner 1988 verlor die Alternative Liste Graz (ALG) zwei  ihrer vier Mandate und kam auf 7074 Stimmen. Die Vereinten Grünen (VGÖ) waren unter dem irreführenden Namen „VGÖ-AL“ angetreten und erreichten mit 1510 Stimmen kein Mandat. „Wir dürfen uns nicht entmutigen lassen“ ist der Titel eines Interviews mit den neuen ALG-Gemeinderätinnen Wilfriede Monogioudis und Irene Windisch, das im Grünen Rundbrief vom 5. Februar 1988 erschien. Die Fragen stellte Ridi Unfried vom Bundesvorstand.

Download des Interviews: 206-gemeinderatswahl-monogioudis-windisch.pdf (PDF, 2 MB)


Viele Grüne in allen Bundesländern hoffen bei den Grazer Wahlen nach den schlechten Ergebnissen von Burgenland und Wien auf eine Trendumkehr, zumindest auf einen Stop des negativen Trends. Was waren Eure Erwartungen?

Wilfriede: Auch nach den Wahlen in Salzburg, Wien und im Burgenland waren wir davon überzeugt, daß in Graz „die Uhren anders gehen“, und wir unseren Mandatsstand halten können. Unser Wahlziel war die Erreichung eines Sitzes im Stadtsenat, dazu wäre ein relativ geringer Stimmenzuwachs notwendig gewesen.

Warum habt Ihr dieses Wahlziel nicht erreicht?

Wilfriede:

  1. Das Ergebnis der Grazer Wahlen liegt nicht im Bundestrend. Die Spitzenkandidaten von SPÖ und OVP, Bürgermeister [Alfred] Stingl und Vizebürgermeister [Erich] Edegger, schafften es, ihre Eigenständigkeit gegenpber der Großen Koalition zu betonen. Nur die FPÖ versuchte mit [Jörg] Haider, Bundespolitik in den Wahlkampf einzubringen.
  2. Der Wahlkampf der Großparteien war inhaltsleer. Jede Konfrontation wurde vermieden, es gab z. B. keine Podiumsdiskussionen; im Vordergrund stand das Bekenntnis zur Zusammenarbeit der großen politischen Kräfte. Diese Harmonisierung schaffte ein Klima, in dem Inhalte großteils untergingen.
  3. Unsere Aussichten, die 4 Mandate zu halten, ja selbst auf einen Stadtrat, wurden auch in den Medien als gut ha-zeichnet. Das durfte manche ALG-Wähler von 1983 dazu veranlaßt haben, anderen „Bedrohten“ zu Hilfe zu eilen. Zum Beispiel Erich Edeggers ÖVP, dem – alleingelassen von der Landespartei – ein deutlicher Verlust prognostiziert wurde. Oder der KPÖ, die sich – obwohl eine Woche vor den Wahlen noch totgesagt – von 1,8 auf 3,1 % verbessern konnte.
  4. Das Angebot an Listen war diesmal größer. Reine Protestwähler, die uns 1983 ihre Stimme gaben, sind wieder abgewandert.
  5. Grünalternative lokale Gründe: Die ALG wurde vor 5 Jahren zum Teil mit sehr hohen Erwartungen gewählt. Dabei wurden offensichtlich mehr greifbare Ergebnisse, wie die Befreiung des Landhaushofes von den Autos. erwartet. Wirksamkeit unserer Oppositionsrolle zu vermitteln ist naturgemäß schwieriger als mit Protestaktionen etwas unmittelbar zu erreichen. Die Medien, die uns vor unserem Einzug in den Gemeinderat sehr viel Platz widmeten, berichten über Gemeinderatsarbeit an sich schon spärlich und über unsere Tätigkeit kaum. Sicher haben uns offen ausgetragene Auseinandersetzungen wie der Ausschluß [Josef] Buchner aus dem Grünen Klub, auch die Auflösung der Wahlplattform im Landtag, geschadet. Dazu kommt, daß der Eindruck der Zerstrittenheit der Grünen von den Medien verstärkt wurde – auch in den Fällen, in denen es gar nicht um die Grünen, sondern um – von den Großparteien unterstützte – Listen ging.
    Auf Bezirksebene haben uns die Wähler erheblich mehr Kompetenz zugetraut, deshalb erreichten wir hier weitaus bessere Ergebnisse.
So wählten die Grazerinnen und Grazer 1983 und 1988.

So wählten die Grazerinnen und Grazer 1983 und 1988.

Wie schätzt ihr das Ergebnis der anderen Parteien ein?

Wilfriede: Die beiden Großparteien hatten mit ihrer schon erwähnten Taktik Erfolg. Ihre Rechnung ist aufgegangen. Bürgermeister Stingl, dem es gelang, die Anhäufung ungelöster Probleme zu verdecken, schaffte wie vorauszusehen mit Hilfe des Bürgermeisterbonus einen Mandatsgewinn. Vize-BM Edegger, der gegen starke Kräfte wie Handelskammer und Baulobbys zu kämpfen hatte, wurde aufgrund des Wahlergebnisses innerparteilich gestärkt. Der Versuch der FPÖ, mit Hilfe ihres Bundesparteiobmanns über ihr Debakel in der Kommunalpolitik hinwegzutäuschen, mißlang. „Der frische Wind“ verbuchte mit gigantischem Aufwand Edegger-feindliche Stimmung in Teilen der ÖVP zu benutzen. Profitiert hat er eher von den Verlusten der FPÖ. Der KPÖ – bisher von stetigem Stimmenschwund geplagt – kam der Mitleideffekt zugute, aber [auch] die Unzufriedenheit vieler Arbeiter mit der SPÖ.

Konntet ihr den Frauenbonus nützen?

Wilfriede: Wir vermuten, daß wir überdurchschnittlich von Frauen gewählt wurden, wahrscheinlich aber nicht in dem von uns erhofften Ausmaß. Lesen Sie weiter

204/366: 30 Jahre Grüne Vorarlberg im Film

Eine Dokumentation zur Reflexion der Arbeit der Grünen in Vorarlberg mit Herbert Sausgruber, Brigitte Bitschnau-Canal, Siegfried Gasser, Albert Lingg, Hanno Loewy, Willi Sieber, Eva Grabherr, Ludwig Summer, Ulrich Gabriel, Martin Geser, Hildegard Breiner, Geli Salzmann, Gernot Jochum-Müller, Michael Manhart, Elisabeth Burtscher, Josef Kittinger, Daniel Zadra und Nina Tomaselli. Ein Film von Ulrich Schwendinger.

196/366: Aus Kummer trink ich nie. Fragen an die Wiener GemeinderätInnen

196-fragen-gemeinderaete-wien-1In der GAZ, der Grün-Alternativen Zeitung für Wien, vom Jänner 1992 wurden den damaligen Gemeinderätinnen und Gemeinderäten Wiens folgende persönliche Fragen gestellt:

1. Wer bist Du?
2. Wann betrinkst Du Dich?
3. Wann schaltest Du den Fernsehapparat ab?
4. Beichte Deine Umweltsünden
5. In welche Person aus den anderen Parteien könntest Du Dich verlieben?
6. Was ist das dunkelste Kapitel in Deiner Geschichte?

Download im Originallayout: 196-fragen-gemeinderaete-wien (PDF, 1 MB)


Schani Margulies: Aus Kummer trink ich nie

1. Ich bin ein 52-jähriger, übergewichtiger Mann aus der Gewerkschafts- und Alternativbewegung. Von Kindesbeinen an politisch aktiv.
2. Trinke mit Freunden wenn’s etwas zu feiern gibt. Ansaufen tu‘ ich mich seit Jahren nicht mehr. Aus Kummer trink ich nie.
3. Kommt aufs Programm an. Musikantenstadl dreh‘ ich sofort ab.
4. Ich rauche. Fahr‘ doch noch immer mit dem Auto. Aus Bequemlichkeit kaufe ich manchmal nicht umweltbewußt ein.
5. Muß ich passen.
6. Im 68-er Jahr, beim Einmarsch der Sowjet-Truppen in die CSSR, ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Ein Schockerlebnis. Mein Traum vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz wurde damals kaputtgemacht. Nicht nur beruflich mußte ich neu anfangen.

Peter Pilz: Kein Platz für Liebe

1. Peter Pilz
2. Nach jedem Wahlerfolg, also sehr selten.
3. Immer wenn die Nachrichten kommen. Normalerweise schalte ich das TV-Gerät nicht ein.
4. Gelegentliche Taxifahrten. Zu nachgiebig gegen Raucher, da muß ich härter werden.
5. Also in den Lichal nicht. Ansonsten – kein Platz für Liebe.
6. 1. Möglicherweise meine Schulzeit. 2. Mein letzter Kinderfreundeurlaub – der war echt beschissen.

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178/366: Wanderjahre der ewig Interessierten

Freda Meissner-Blau: 88 Lern- und Wanderjahre. Im Gespräch mit Gert Dressel. Wien: Amalthea 2014, 978-3-85002-897-4

Freda Meissner-Blau: Die Frage bleibt. 88 Lern- und Wanderjahre. Im Gespräch mit Gert Dressel, Amalthea 2014

Die Besetzung der Hainburger Au 1984 und ihre Präsidentschaftskandidatur 1986 machten Freda Meissner-Blau zu einer der Pionierinnen der österreichischen Umweltbewegung und zur Galionsfigur der Grünen. 2014, ein Jahr vor ihrem Tod, erschien ihre Autobiographie „Die Frage bleibt. 88 Lehr- und Wanderjahre“ im Amalthea-Verlag. Im Rückblick auf 88 Jahre ihres Lebens erzählt Freda Meissner-Blau von den wesentlichen Um- und Aufbrüchen ihres Lebens.  Mit freundlicher Genehmigung des Amalthea-Verlags veröffentlichen wir hier den Prolog.


// Gert Dressel: Wir könnten Ihre autobiographischen Rückblicke ganz klassisch beginnen: Geboren 1927 in Dresden, die ersten Jahre Ihres Lebens haben Sie im nordböhmischen Reichenberg verbracht, die weitere Kindheit und Jugend in Linz und Wien und immer so weiter. Das sagt aber noch wenig darüber aus, wer oder was Sie sind. Wenn Sie sich kurz beschreiben müssten, was fällt Ihnen da spontan ein? Wer, was und wie ist Freda Meissner-Blau?

Freda Meissner-Blau: Ich habe so lange gelebt, Gert, dass ich das gar nicht sagen kann. Ich war in meinen jetzt 87 Lebensjahren dauernd in Veränderung. Mein Leben ist ja geprägt durch Wandel, mit viel Passion für das Leben und für den Gang der Welt, mit vielen Interessen, zu denen immer wieder neue kamen. Wenn ich mich schon definieren muss, dann würde ich mich als ewig Interessierte definieren, als immer Wissen-Wollende.

Mein hohes Alter bringt es mit sich, dass ich oft gebeten werden, das eine oder andere aus meinem Packerl an Erfahrungen zu erzählen. Erst kürzlich hat mich die durchaus engagierte Barbara Stöckl vom ORF gefragt: „Was waren die markanten Punkte Ihres Lebens?“ Ich begann mit dem Februar 1934; vielleicht hat mich das Parlament, wo das stattfand, dazu herausgefordert: „Ich erinnere mich, ich war fast sieben Jahre alt, als in Linz und Wien die Heimwehr auf die Arbeiter geschossen hat und ich nicht auf die Straße gehen durfte – striktes Verbot! Und die nächsten Verbote kamen dann im März 1938“. Ich begann zu erzähen, wie ich mit meiner Schwester in Linz auf eine unüberblickbare Menge gestoßen bin, die brüllte: „Wir wollen unseren Führer sehen!“ Es war eine überwältigende, erschreckende Stimmung, die ich da erlebte – die aber auch einen eigentümlichen Sog hatte. „Ja, und das war an meinem elften Geburtstag“. Da unterbrach mich die Interviewerin auch schon: Aber ich sei doch bekannt für den Umweltschutz, für den Kampf um Hainburg, als Pionierin der Grünen in Österreich. Ich wurde auf dieses Thema reduziert. „Ja, das waren sicher wichtige Momente“, sagte ich, „aber nicht so wichtig, wie das von außen aussehen mag.“ – „Wussten Sie damals, dass Sie österreichische Geschichte geschrieben haben?“ – „Nein, überhaupt nicht. Ich habe das getan, was ich im Moment als dringend notwendig erachtet habe, was mein Gehirn und mein Herz mir angeordnet haben.“ – „Sind Sie jetzt stolz drauf?“ – „Stolz, nein, ich bin zufrieden und froh, dass es die Au noch gibt. Was heißt stolz? Sie vergessen, ich war doch nicht die Einzige, wir waren Tausende.“ Als ob ich eigenhändig mit der linken Hand die Au gerettet hätte!

Also, was war in meinem Leben markant? Weiß ich gar nicht. Es gab viele Hochs und viele Tiefs – als Teile, die ein Ganzes ausmachen. //

176/366: Ronald Schmutzer und Karl Öllinger im Gespräch

Blick zurück ins Jahr 1993: Der damalige grüne Bezirksrat und EDV-Unternehmer Ronald Schmutzer und Karl Öllinger, Sekretär der „Gewerkschaftlichen Einheit“, im Disput über grüne Sozialpolitik, Wirtschaftswachstum, Grundeinkommen und Lohnnebenkosten. Das Gespräch wurde von Gudrun Hauer für die Zeitschrift „Impuls grün“ geführt.


Ronald Schmutzer. FotografIn: unbekannt.

Ronald Schmutzer. FotografIn: unbekannt.

Impuls: Von den Grünen gibt es wenige Aussagen zur Sozialpolitik. Sie fehlen zur Stillegung der Papierfabrik Hallein, zum Konkurs der Assmann-Betriebe, zur Krise in der Verstaatlichten Industrie, zur zunehmenden Arbeitslosigkeit.

Schmutzer: Das ist eine traditionelle Schwäche der Grünen. Der Zugang zur Grünen Bewegung kam aus zwei Richtungen: Die eine ist die Ökologiebewegung, die traditionell wenig mit sozialen Themen zu tun hatte; der zweite Zugang ist die Kapitalismuskritik. Beide sind zusammengewachsen zur Grünen Alternative. Das ergibt schwarze Löcher. Heute versucht man fehlende Teile aufzuarbeiten. Darüberhinaus scheißt man sich ein bißchen an, weil das Nein zum Wirtschaftswachstum der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln ist. Das ist einer der Gründe, warum uns wenige wählen, weil die Leute das Gefühl haben, die kosten uns nur Geld.

Öllinger: Ich gebe Dir soweit Recht, als es eine traditionelle Schwäche war, und ergänze es insofern, als es heute keine Schwäche mehr sein darf. Keine Aussagen zur Sozialpolitik zu machen heißt, einverstanden zu sein mit dem, was da geschieht. Aber ich kenne die Grünen so gut, nachdem ich auch einer bin, daß sie nicht damit einverstanden sind. Aber sie neigen einem Verständnis von Sozialpolitik zu, das als Armenpolitik beschrieben werden kann. Sozialpolitik ist aber umfassender als Wirtschaftspolitik, weil sie den Anspruch beinhaltet, Gesellschaft zu gestalten. So gesehen haben die Grünen eine große Aufgabe vor sich. In der aktuellen Situation stört mich besonders, daß die seltenen Aussagen zur Sozialpolitik sehr gedankenlos sind. Bei der Enquete zur Arbeitsmarktpolitik im Herbst ist sehr viel an konkreten Forderungen erarbeitet worden, aber mit den Ergebnissen wird nicht Politik gemacht. Stattdessen werden Aussagen gemacht, die Senkung der Lohnnebenkosten sei ein grünes Ziel. Aktuell heißt das: keine Abfertigungen, die Debatte um das 13. und 14. Gehalt aufnehmen, in der Sozialversicherung Abstriche hinnehmen.

Schmutzer: Das ist ein Mißverständnis, Karl! Es hat niemand gesagt, die Lohnnebenkosten sollten im Sinn von Sozialabbau gesenkt werden. Gemeint ist eine Steuerreform, die die Grünen anstreben. Arbeit sollte weniger, Raub der Ressourcen, Energieverbrauch – sollte stärker belastet werden. Eine Senkung der Lohnnebenkosten allein war nie das Ziel.

Öllinger: Auch ich bin der Meinung, Energie muß besteuert werden. Die Grünen können sich aber nicht vor der Aussage drücken, wie sie zur Besteuerung des Kapitals stehen. Diese Frage spielt keine Rolle mehr. Wir sind in der perversen Situation, daß mit vorhandenem Kapital im industriellen und Dienstleistungsbereich wenig Investitionen und viel Spekulation stattfindet, weil da wesentlich mehr Geld zu holen ist.

Es ist schwer, in Österreich ein reales Geschäft zu machen. Es ist leichter zu spekulieren, etwa mit Wohnungen, als in einem realen Geschäft mit Angestellten.

Schmutzer: Es ist aber mit der Argumentation nicht getan, daß man den Arbeitsmarkt fördert, wenn man das Kapital bestraft. Es ist schwer, in Österreich ein reales Geschäft zu machen. Es ist leichter zu spekulieren, etwa mit Wohnungen, als in einem realen Geschäft mit Angestellten.

Karl Öllinger. FotografIn: unbekannt.

Karl Öllinger. FotografIn: unbekannt.

Öllinger: Das mag eine Frage der Reglementierung, der Gewerbeordnung sein. In anderen Ländern gibt es aber dieselben Phänomene.

Schmutzer: Wir tun immer so, als ob man einzig mit Arbeit seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Wir müssen aber auch darüber reden, ob es nicht ein menschenwürdiges, arbeitsloses Einkommen geben sollte. Damit meine ich ein Grundeinkommen.

Öllinger: Ich bin Dir dankbar dafür, daß das Thema in die Debatte eingeführt wird, weil ich in der Realität dazu neige, es wegzuschieben. Denn angesichts der aktuellen sozialen Situation sehe ich ein Grundeinkommen nur in der Höhe kommen, wo es nicht menschenwürdig ist. Der soziale Druck führt dann dazu, daß das arbeitslose Einkommen dazu verwendet wird, doch wieder zu arbeiten.

Schmutzer: Um die letzte Hacken zu machen! Von den Menschen könnte ein Druck weggenommen werden. Wer außer uns sollte darüber reden? Lesen Sie weiter

144/366: „Da ist doch der katholische Hirtenbrief progressiver“

Christof Parnreiter sprach mit Freda Meissner-Blau über die "mangelnde Radikalität" der Grünen und über Fredas möglichen Anteil daran.

Christof Parnreiter sprach mit Freda Meissner-Blau über die „mangelnde Radikalität“ der Grünen und über Fredas möglichen Anteil daran.

„Wenn man den Kampf aufnimmt gegen die Erniedrigung und Ausbeutung der Menschen und der Vernichtung der Natur, dann darf man sich nicht anpassen“, richtete Freda Meissner- Blau den Grünen 1990 aus, der katholische Hirtenbrief sei progressiver als die aktuellen Programme. Das Interview von Christof Parnreiter erschien in der Alternativen Monatszeitung MOZ vom 16. Februar 1990. Titel: „Angepasst und ohne Gesellschaftsanalyse“.


MONATSZEITUNG: Sie haben kürzlich der grünen Partei endgültig den Rücken gekehrt. Warum?

MEISSNER-BLAU: Das hat mehrere Gründe. Ich bin nie in die Politik gegangen, um Karriere zu machen, ich bin seinerzeit – nach Hainburg – gebeten worden, gegen Waldheim, Steyrer und Scrinzi zu kandidieren. Und dann bin ich, weil ich bekannt war, gebeten worden zu helfen, die Tür für eine vierte parlamentarische Kraft aufzumachen. Mein Interesse war, die Leute reinzubringen und nach Lösung der Anfangsschwierigkeiten zu gehen. Das Ausscheiden aus dem Parlament war also geplant.

MONATSZEITUNG: Ihren Parteiaustritt haben Sie allerdings auch mit inhaltlicher Kritik verbunden.

MEISSNER-BLAU: Die Programme, die jetzt erstellt wurden, gaben mir den letzten Anstoß. Das sind Programme für eine Schönheitspartei, aber nicht für eine radikale Umwelt-, Sozial- und Demokratiepolitik. Da ist doch der katholische Hirtenbrief progressiver. Dinge, die wir schon vor Jahren verlangt haben, wie der Grundlohn, sind nicht drinnen. Es gibt keinerlei Systemanalyse. Man beschränkt sich vorwiegend auf die Skandale: Skandale, die die wirklichen Skandale dieses Landes vertuschen. Ich halte diese Art von Skandalisierung für eine sehr fragwürdige Politik, auch wenn man sich sehr populär machen kann damit. Erst einmal müßte man eine Systemanalyse machen, dann käme man darauf, daß in einem System, in dem profitorientierte Wirtschaft die einzige Grundlage des Staates ist, die Korruptionen nur ein Symptom dieses Systems sind. Das selbe gilt für die Umweltpolitik: Es gibt keine Analyse, warum nichts von dem, was wir seit 20 Jahren fordern, durchgesetzt wird und auch nicht durchgesetzt werden wird, außer kleinen kosmetischen Eingriffen. Ich würde mir von einer grünalternativen Partei erwarten: aufzudecken, warum nichts passiert. Oder: Kein Wort in diesem Programm, daß unsere Wirtschaft auf der Ausbeutung und dem Hungertod von Millionen Menschen basiert. Auch da gibt es keine Analyse, was in diesem System passiert.

MONATSZEITUNG: Die Grünen sind zu angepaßt, zu wenig radikal? Lesen Sie weiter

140/366: Kochen entspannt, sagt Gerhard Fritz

Portrait von Gerhard Fritz im "Impuls grün".

Portrait von Gerhard Fritz im „Impuls grün“.

Im März 1993 wurde Gerhard Fritz zum amtsführenden Stadtrat für Raumordnung in Innsbruck gewählt. Rainer Patek führte damals ein Interview mit dem Grünpolitiker für die Zeitschrift „Impuls Grün“. Wie er Beruf, Politik und Haushalt unter einen Hut brachte? „Wenn man nicht immer Hausarbeit machen muß, belastet sie nicht so. Für mich ist etwa Kochen etwas sehr Entspannendes. In der politischen Arbeit gibt es genug Positives, sodaß ich sie nicht nur als Arbeit erlebe. Im übrigen halte ich es nicht lange aus, wenn ich gar nichts zu tun habe“.

Heute umfassen Fritzens Agenden als Stadtrat übrigens Stadtentwicklung, Stadtplanung und Integration, Bau-, Wasser-, Anlagen- und Gewerberecht, Bau- und Feuerpolizei und Grünanlagen.


// Als Altlinken bezeichnete ihn die ÖVP während der Gemeinderatswahl 1989. Die Angriffe auf Gerhard Fritz waren gespickt mit Details aus seiner Vergangenheit, die wohl nur von der Stapo stammen konnten. Als „einen der wenigen mit ausgeprägtem Wirtschaftsverstand“ lobt ihn heute der Clubobmann der ÖVP, nicht ohne Freude an dem damit verbundenen Seitenhieb auf die Wirtschaftsbundleute im eigenen Club. Gerhard Fritz übernahm im März das Ressort für Raumordnung und allgemeine StadtentwickIungsplanung in Innsbruck.

Fritz fand seinen Weg in die Politik 1968 in den USA: Beim Protest gegen den Vietnamkrieg und im Kampf für den Präsident-schaftskandidaten McGovern arbeitete er als Mitglied der jungen Demokraten aktiv mit. Während des Studiums trat er zunächst dem VSStÖ bei, bald darauf dem Kommunistischen Bund. Fritz über seine maoistische Vergangenheit: „Wenn ich an die Ereignisse am Tienanmen-Platz denke, kann ich nur sagen: Es wäre furchtbar gewesen, wenn wir Macht gehabt hätten. Heute stehe ich inhaltlich mit keinem Beistrich mehr dazu; trotzdem war es von der Entwicklung her richtig – sonst war nichts da, um gegen die herrschenden Zustände Opposition zu machen.“ Was hat er daraus gelernt? „Anfang der achziger Jahre habe ich den totalitären Standpunkt bewußt aufgegeben. Ich glaube, das ist eine gute Impfung gegen jede Art totalitärer Ansprüche.“ Über seine Mitarbeit bei den alternativen GewerkschafterInnen fand Gerhard Fritz den Kontakt zu den Grünen. 1983 noch bei der lokalen Konkurrenz, war er bei den Gemeinderatswahlen 1989 schon Spitzenkandidat der Alternativen Liste Innsbruck (heute: Die Innsbrucker Grünen). Dazwischen liegen Jahre kontinuierlicher Mitarbeit in der ALI und seine Schreibertätigkeit bei der Kommune. Seit Herbst 1989 sind die Grünen der Tiroler Landeshauptstadt in der elfköpfigen Stadtregierung vertreten. Nach Rainer Patek und Uschi Schwarzl – als erster Frau in Innsbruck – übernahm er im Herbst 1991 den Sitz im Stadtsenat. Lesen Sie weiter

116/366: Peter Weish: „Es gibt keine unschädliche Radioaktivität“

Cover der Ausgabe 5/1980. "Initiativ" ist die Zeitschrift der Initiative österreichischer Atomkraftgegner (Grünes Archiv).

Cover der Ausgabe 5/1980. „Initiativ“ ist die Zeitschrift der Initiative österreichischer Atomkraftgegner (Grünes Archiv).

„Es gibt keine unschädliche Radioaktivität“, sagte der Naturwissenschaftler und Umweltaktivist Peter Weish 1980 in einem Interview für die Zeitschrift der Initiative österreichischer Atomkraftwerksgegner. Wenig vertrauenswürdig sind die offiziellen Berichte: „Die Behörden ziehen mit den Betreibern am gleichen Strang und versehen die zum Teil alarmierenden Meßergebnisse mit besänftigenden und irreführenden Kommentaren versehen“. Atomkraftwerke schädigen die Gesundheit also auch im Normalbetrieb, ganz ohne „Unfall“  wie vor dreißig Jahren in Tschernobyl.


//zitat//  Wie gefährlich ist sie wirklich, die radioaktive Strahlung, die aus einem „normal“ laufenden Atomkraftwerk entweicht? „Umweltfreundlichste Energie“ oder „Tod auf Raten“ — gibt es denn keine objektiven wissenschaftlichen Untersuchungen, die diese Streitfrage entscheiden können? Wir fragten dazu den Biologen Dr. Peter Weish.

INITIATIV: „Das Milliardending muß absolut sicher sein“, fordert die Gewerkschaftszeitung „Solidarität“ von den Zwentendorf-Betreibern. Der Nuklearmediziner Dr. Herbert Vetter garantiert den „Solidarität“-Lesern 1) absolute Sicherheit: Die Strahlenbelastung durch den Kernkraft-Normalbetrieb betrage höchstens ein millirem pro Jahr. Diese Strahlenbelastung sei ohne Bedeutung, da ja schon die natürliche Strahlung hundertmal größer sei.

WEISH: Gegen das alte Argument von dem „einen Millirem“ gibt es drei grundlegende Einwände. Erstens: Der Wert „millirem“ soll die Wirkung einer bestimmten Strahlung auf den Menschen ausdrücken. Er kann nicht direkt gemessen werden, er wird berechnet: Die gemessene Strahlung wird mit bestimmten angenommenen Wirkungsfaktoren multipliziert. Wir wissen nun, daß bei der Berechnung von Strahlenbelastungen, die aus der Anreicherung von Radionukliden in der Nahrungskette resultieren, gravierende Fehler gemacht worden sind. In der BRD gibt es komplizierte Rechengrundlagen für diese Abschätzung. Es hat sich herausgestellt, daß die Behörden nicht, wie es der Gesetzgeber vorschreibt, für „den ungünstigsten Fall“ berechnet haben, sondern sie haben sehr optimistische Anreicherungsfaktoren in diese Berechnungen eingehen lassen. Eine kritische Prüfung durch Kollegen in Heidelberg 2) hat ergeben, daß eine vielfach höhere Strahlenbelastung auf Grund dieser Anreicherung in der Nahrungs-kette durchaus realistisch ist. Der Nachweis ist ganz leicht zu erbringen: Die Strahlenschutzkommission hat sich aus der wissenschaftlichen Literatur jeweils immer die für sie günstigsten Werte herausgesucht und keineswegs realistische Werte angewendet. Es wurde also nicht ein Rechenfehler nachgewiesen, sondern ein Methodenfehler. Es ergeben sich Fehlberechnungen bis zu Hunderten millirem.

INITIATIV: Wie schauen denn dann die Berechnungen für Zwentendorf aus?

WEISH: In den Parlamentshearings im März 1978 habe ich mich bemüht, die Grundlagen für diese Berechnungen zu bekommen. Nach langer Diskussion mit Minister [Josef] Staribacher und H[ans] Grümm, die stets behauptet haben, daß das Kraftwerk sofort abgestellt wird, wenn mehr als ein millirem herauskommt, hat sich folgendes herausgestellt: Es gibt überhaupt kein radioökologisches Gutachten, das die Anreicherung der wichtigsten Nuklide in der Nahrungskette zum Gegenstand hat. Wendet man die neueren deutschen Erkenntnisse auf Zwentendorf an, so ergeben sich auf Grund der zugelassenen Abgaberaten von drei milliCurie Aerosole pro Stunde Belastungswerte, die zum Teil erheblich über den höchstzulässigen Jahres-dosen von 170 mrem liegen. Das Millirem des Herrn Vetter ist also eine reine Hausnummer.

INITIATIV: Ein Atomkraftwerk steht ja nicht allein…

Interview mit Peter Weish

Interview mit Peter Weish.

WEISH: Das ist mein zweiter grundlegender Einwand. Die Atomkraftwerke erfordern ja den ganzen komplizierten Komplex der Nuklearindustrie. Das beginnt beim Uranbergbau, setzt sich fort in der Abtrennung des Urans von den Erzen, der Anreicherung des Urans, der Fertigung der Brennelemente, die im Atomkraftwerk durch Uranspaltung hoch radioaktiv werden; dann kommt die Wiederaufbereitung der bestrahlten Brennelemente und schließlich die Atommülllagerung. Der Reaktor ist, was umwelthygienische Aspekte betrifft, noch der relativ am besten beherrschte Abschnitt in diesem sogenannten Kreislauf (bei Normalbetrieb). Bei der Urangewinnung, aber vor allem bei der Wiederaufbereitung, werden viel größere Mengen radioaktiver Stoffe in die Umwelt freigesetzt.

INITIATIV: Aber auch ohne Atomindustrie sind wir noch immer der natürlichen Strahlung ausgesetzt… Lesen Sie weiter

99/366: Pheminist cyber road show in Linz

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Linz hat Alternativen! EinE WegweiserIn durch das andere Linz. 1995 hrsg. von den Grünen und Alternativen StudentInnen Linz (Grünes Archiv, Inventarnr. 737)

„Linz hat Alternativen!“ Diese Wegweiserin durch die oberösterreichische Landeshauptstadt gaben die Grünen und Alternativen StudentInnen Linz (GRAS) im Jahr 1995 heraus. Die Broschüre enthält Artikel und Interviews ebenso wie Inserate und einen Adressteil. Das Themenspektrum reicht von Naturkostläden, Kochrezepten, Alternativmedizin und tierversuchsfreier Kosmetik über Fairen Handel, Montessoripädagogik und alternative Verkehrsplanung bis zur entwicklungspolitischen Szene.

Im folgenden ein Interview mit Birgit Schroeder und Elisabeth Binder über Frauen und Feminismus im Internet – das Web war damals tatsächlich noch Neuland. Titel: „Pheminist cyber road show“.


//zitat// Frage: Feministische Aktivitäten im Internet – seit wann gibt es diese?

Antwort: Seit dem Sommer 1994 sind auch im deutschsprachigen Raum (die USA ist uns da um einiges voraus) verstärkt frauenspezifische Aktivitäten im Internet und in Mailboxen zu bemerken: Das Fem-Net in Deutschland ist eine reine (und sehr erfolgreiche) Frauen-Mailbox (auf Telefon + Computer + Modem-Basis), und im Internet haben wir frauenspezifische Informationen gesammelt zur Verfuegung gestellt und eine deutsch-sprachige Frauendiskussionsliste eingerichtet (FEMALE – die feministische Alternative im Internet, ein integriertes Computerinformationssystem für Frauen auf Internetbasis).

Warum frauenspezifische Informationen im Netz, wo sehr vieles anonym abläuft?

Die Computernetzwerke bestehen zu 90 % aus Männern. Wie in allen Abhandlungen über Kommunikationskultur nachzulesen ist, gibt es sowas wie geschlechtsspezifische Dominanz in Kommunikationsverhältnissen – nachzuempfinden in manchen Computer-Kommunikations-räumen in der Form, daß sich fast keine Frauen zu Wort melden, Themen diskutiert werden, die spezifische Fraueninteressen (gar) nicht berühren und teilweise frauendiskriminierend und so frauen-ausschließend sind und und und. Neben dieser kommunikativen Ausgrenzung im „Cyberspace“, mit der wir Frauen Gefahr laufen, wieder einmal nicht an die Drehknöpfe einer rigorosen gesellschaftsverändernden Revolution (verteilte Computerkommunikation) zu kommen und sie auch weiblich (mit)prägen zu können, gibt es schon *vorher* „altbekannte“ Schwierigkeiten für Frauen, überhaupt an das nötige technische Rüstzeug zu gelangen. Daher wünschen wir uns viele Frauen im Netzwerk als Vorbilder, gegenseitige Unterstützung und Hilfestellung, Schaffung und Gewährleistung von Frauen-Räumen im Netz. Lesen Sie weiter

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