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Weblog des Grünen Archivs zur Geschichte der Grünen und Alternativen in Österreich

Monat: Januar 2017

Warum der Nicakaffee scheußlich schmeckte

Benjamin Hohlmann: esteli 226. Flickr, CC-BY-NC (2011)

Benjamin Hohlmann: esteli 226. Flickr, CC-BY-NC (2011)

Grünbewegte der ersten Stunden können sich sicher an ihn erinnern: den Solidaritätskaffee. Menschen aus den alternativen Bewegungen, vor allem die Dritte-Welt-Solidaritätsgruppen, wollten mit dem Kauf des Kaffees den Freiheitskampf der Bevölkerung von Nicaragua unterstützen. Das Problem: Der Solikaffee oder Nicakaffee war, um es höflich zu formulieren, keine kulinarische Offenbarung.

Die Hamburger Journalistin Gerlinde Geffers hat nachgefragt, „warum der Nicakaffee scheußlich schmeckte“, zwei Mitarbeiter der GEPA als Vorreiter auf dem Gebiet des fairen Handels haben geantwortet. Ihren Beitrag hat uns Geffers freundlicherweise für unser Blog zur Verfügung gestellt.


Warum der Nicakaffee scheußlich schmeckte

Zwei GEPA-Mitarbeiter können das erklären. Gerd Nickoleit importierte 1979 den ersten Soli-Kaffee aus Nicaragua. Hans Jürgen Wozniak berät Kleinbauern, damit sie besseren Kaffee produzieren.

Nica-Kaffee hat scheußlich geschmeckt. Warum haben die Leute ihn trotzdem getrunken?

Gerd Nickoleit: Es ging ja nicht um den Kaffee, es ging um Solidarität mit Nicaragua. Es gab eine große Bewegung in der alternativen Szene, die sagte damals: Wir müssen das Volk von Nicaragua in seinem Kampf gegen Somoza unterstützen. Nach El Triumpho, der Revolution im Juli 1979, wollten die Leute den Aufbau unterstützen. Einige sind sogar nach Nicaragua gereist, um den Leuten bei der Kaffeeernte zu helfen – ob das eine Hilfe war, ist eine andere Sache. Auf jeden Fall ging es um Solidarität mit einem Land, das aus eigener Kraft einen Weg gegen die USA eingeschlagen hatte und daraufhin von den USA boykottiert wurde. Zur Solidarität gehörte es daher, Produkte aus Nicaragua zu konsumieren, darunter Kaffee – eines der wichtigsten Produkte.

Wie haben Sie die Kontakte geknüpft?

Gerd Nickoleit: Anfangs haben wir uns an die staatliche Organisation Encafe gewandt, die nach der Revolution den Kaffeevertrieb verstaatlicht hatte. Ich bin im September nach der Revolution nach Nicaragua gereist und habe dort mit Ernesto Cardenal gesprochen. Der hat mir den Kontakt zu Encafe verschafft.

War Ihnen damals klar, wie schlecht der Kaffee schmeckte?

Gerd Nickoleit: Ich war überhaupt kein Kaffeeexperte. Heute weiß ich: Kaffee aus Nicaragua ist kein schlechter Kaffee, er hat nur einen hohen Säuregehalt. Für einen guten Kaffee wird er deshalb üblicherweise mit anderen Kaffees gemischt. Aber es ging ja um die Unterstützung von Nicaragua, deshalb konnte er nicht gemischt werden. Hinzu kam, dass aus Nicaragua anscheinend nach der Revolution alle Kaffeeexperten ins Ausland abgewandert waren und die Leute bei Encafe auch keine Fachleute waren. Wir hatten also auf beiden Seiten mehr guten Willen als Fachkenntnisse.

Sie haben erst Anfang der 90er Jahre angefangen, an der Qualität zu arbeiten. Warum so spät?

Gerd Nickoleit: Lange Zeit ging es gut, wir sahen überhaupt kein Problem. Der Handel der Gepa war eine Solidaritäts- und Bildungsgeschichte. Die Story vom Nica-Kaffee ist da sehr charakteristisch. Vor lauter Solidarität haben wir gar keine fachliche Rückmeldung gegeben. So bekamen wir auch nicht immer die beste Qualität. Die ist anscheinend nach Russland verschickt und von dort auf dem Weltmarkt verscheuert worden. So wurde Schritt für Schritt die Qualität des Kaffees auch noch schlechter – unabhängig vom hohen Säuregehalt. Schließlich sind bei der Verarbeitung noch zusätzliche Fehler gemacht worden. Hier kam auf einmal Kaffee mit überfermentierten Bohnen an. Der hat gestunken. Der war wirklich nicht mehr zu trinken. Ich habe dann einen Brief an Encafe geschrieben und gefragt: Leute, wie könnt ihr an uns, die wir doch so solidarisch sind, so einen Mistkaffee liefern? Die Antwort war: An wen denn sonst?

Das war zuviel.

Gerd Nickoleit: Genau. Bis dahin hatten wir uns auf der Solidaritätsschiene über Wasser gehalten. Aber dieser schlechte Kaffee hatte das Image der Gepa praktisch kaputt gemacht. Das war der Punkt, an dem die Gepa einen Kaffeeexperten eingestellt hat. Wir haben Druck gemacht und haben uns selbst erheblich verändert. Wir haben gelernt, dass Entwicklung auch etwas mit permanenter Verbesserung zu tun hat. Ohne Qualitätsprodukte haben weder die Kaffeebauern noch wir hier eine Chance. So sind wir umgeschwenkt vom alternativen Kaffee zum fairen Kaffee und zu Qualitätsprodukten. Lesen Sie weiter

Neuerwerbung 1/2017: Alternative Lebensformen in Österreich

A ...wie alternativ. Alternative Lebensformen in Österreich (1981)

A …wie alternativ. Alternative Lebensformen in Österreich (1981)

1981 gab der damalige „Presse“-Redakteur Andreas Unterberger das Buch „A …wie alternativ. Alternative Lebensformen in Österreich“ über die im Entstehen befindliche Alternativbewegung in Österreich und in Südtirol heraus. Das Grüne Archiv hat den Band soeben angekauft. Aus dem Vorwort des Herausgebers:

// Ist die österreichische Alternativbewegung eine Alternative? Ist Grün die Farbe der Zukunft? 14 Autoren versuchen eine Antwort zu geben. Sie beschreiben demonstrativ herausgegriffene und bewußt weitgestreute Alternativprojekte in 16 verschiedenen Bereichen, von der Frauenbewegung bis zur Nachbarschaftshilfe, von der Kirche bis zu den Wohngemeinschaften, von den Schulen bis zur Landwirtschaft, von der Medizin bis zur Meditation, von „weichen“ asketischen Ansätzen bis zu „harten“ Hausbesetzern. //

Inhaltsverzeichnis

  • Lukas Lessing / Andreas Unterberger: Eine neue Sprache: Alternativ-Glossar. Von Frust, Grönland und Zweierbeziehungen
  • Hans Haider: Kultur als Alternative – Alternative als Kultur. Von autoritären Alternativ-Intendanten, verarmten Künstlern und dem freien Wort
  • Lukas Lessing: Die vielen Bühnen der Wiener Szene. Von Büchern, Beisln und Kulturzentren
  • Elisabeth Baumgartner: Noch nie ist ein Haus in Bozen so geliebt worden. Von Südtirolern, Italienern und einem Volkstumskampf
  • Gerfried Sperl: Seit die Steirer zu alternativen Pionieren geworden sind. Von Grazer Studenten, nationalen Bürgern und einem neuen Heimatbewußtsein
  • Andreas Unterberger: Politischer Mummenschanz mit dem grünen Mäntelchen. Von Wahlkämpfern, Steinewerfern und Gartenzwerg-Freunden
  • Johannes Hawlik: Bürger, die der Lethargie den Kampf angesagt haben. Von Radfahrern, Aktionen für Spielplätze und gegen Autostraßen
  • Markus Kauffmann: Da habe ich gesehen, dass ich nicht alleine bin. Von Anonymen Alkoholikern, tanzenden Rollstuhlmädchen und Gruppen, die sich selber helfen
  • Marianne Enigl: Frauen im Kampf um ihre eigene Identität. Von Sehnsüchten, Kindern und – Männern
  • Andreas Unterberger: Wir machen uns unsere Schule selbst. Vom Lernen ohne Strafen, Prüfungen und Bürokratie
  • Lukas Lessing: Aus der Gemeinschaftsnot in die Wohngemeinschaft. Von Kommunen, Küchendienst und Gruppendunst
  • Michael Vogler: Das Heil im eigenen Ich. Von Scharlatanen, östlicher Meditation und westlicher Selbsterfahrung
  • Wolfgang Exel: Gesundheit auf kaum erklärbaren Wegen. Von Nadeln, Kräutern und dem Wasser
  • Herbert Grün: Weil die Kühe nicht mehr konnten. Von Schneckensud, Schafen und dem Kampf gegen die Vergifter
  • Kurt Ceipek: Bei uns kommt die Energie aus dem Misthaufen. Von der Sonne, Schweinemästern und dem Schnaps im Tank
  • Alexa Gaspari / Christof Gaspari: Der stille Aufbruch in der Kirche. Von Klöstern, Wüstentagen und neuen Gemeinschaften
  • Werner Ertel: Wo die Dritte Welt an erster Stelle kommt. Von Selbstbesteuerern, Strukturen-Bewußtmachern und Kaffee aus Guatemala
  • Andreas Unterberger: Eine Hoffnung aus den Widersprüchen. Von Angst, Egoismus und einem neuen Bewußtsein

Rückblick auf 366 Beiträge

Liebe Leserinnen und Leser,

366 Beiträge an 366 Tagen ist das Resümee unseres Blogs. Wir haben seit 7. Februar (an diesem Tag haben wir das Statistik-Tool installiert) 30.890 Besucherinnen und Besucher und 156.049 einzelne Zugriffe zu verzeichnen. Dazu kommen Leser_innen auf Facebook, Twitter und Instagram. Herzlichen Dank dafür!

Nun kommt eine erfreuliche Nachricht: Wir werden das Blog weiterführen – jeden Tag einen Eintrag werden wir nicht mehr schaffen, aber Archivfundstücke und Einblicke in die Archivarbeit wird es hier auch in Zukunft regelmäßig geben. Wir freuen uns, wenn Ihr dabei bleibt. Den Newsletter werden wir von wöchentlich auf (voraussichtlich) monatlich umstellen.

Die Beiträge mit den meisten Zugriffen überhaupt

Die Beiträge mit den meisten Zugriffen im letzten Monat

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